Verbände fordern mehr Entlastung für pflegende Angehörige

s:119:"Eine Frau macht zusammen mit ihrem pflegebedüftigen Mann ein Kreuzworträtsel in ihrer Wohnung in Berlin. (Archivbild)";
Eine Frau macht zusammen mit ihrem pflegebedüftigen Mann ein Kreuzworträtsel in ihrer Wohnung in Berlin. (Archivbild)
Berlin, Wiesbaden (epd)

Mehrere Sozialverbände haben mit Reformforderungen auf neue Daten des Statistischen Bundesamtes zur Versorgung von Pflegebedürftigen reagiert. Demnach werden drei Viertel der Betroffenen von Angehörigen versorgt - und die sind oft völlig überlastet. Die Bundesregierung müsse handeln, hieß es.

Der Paritätische Wohlfahrtsverband fordert ein "Familienpflegegeld" zur besseren Vereinbarkeit von Pflege und Beruf. Die Regelung solle sich am Bundeselterngeld- und Elternzeitgesetz orientieren, hieß es in einer am 3. September in Berlin verbreiteten Erklärung. Der Verband reagierte auf neue Daten des Statistischen Bundesamts über die große Zahl von Pflegebedürftigen, die von engen Angehörigen daheim versorgt werden. Ähnlich äußerten sich auch der Sozialverband VdK und die AWO. Auch die Linkspartei mahnte Reformen zur Entlastung der pflegenden Angehörigen an.

Laut Statistischem Bundesamt wird der ganz überwiegende Teil pflegebedürftiger Menschen in den eigenen vier Wänden betreut. Das teilte das Amt aus Anlass des bundesweiten Aktionstages "Pflegende Angehörige" am 8. September mit. Insgesamt 3,41 Millionen Menschen waren Ende 2017 gemäß Pflegeversicherungsgesetz hilfsbedürftig.

1,7 Millionen Personen werden allein daheim versorgt

Aus den Angaben geht hervor, dass gut drei Viertel (76 Prozent oder 2,59 Millionen) aller Pflegebedürftigen zu Hause versorgt werden. Davon wurden 1,76 Millionen Menschen in der Regel allein durch enge Angehörige gepflegt. Weitere 830.000 Pflegebedürftige lebten ebenfalls in Privathaushalten, sie wurden jedoch teilweise oder vollständig durch ambulante Pflegedienste versorgt. Knapp ein Viertel aller Pflegebedürftigen (24 Prozent oder 820.000 Menschen) wurden dauerhaft in Pflegeheimen betreut.

Der Paritätische wirbt für einen Rechtsanspruch auf Freistellung vom Arbeitsplatz und eine staatliche Lohnersatzleistung. Darüber hinaus forderte Hauptgeschäftsführer Ulrich Schneider die Stärkung von Angeboten zur Entlastung pflegender Angehöriger, wie Leistungen der Kurzzeit- und Verhinderungspflege.

"Neben verlässlichen Entlastungsangeboten brauchen pflegende Angehörige einen einklagbaren Rechtsanspruch, Zeit und materielle Absicherung", sagte Schneider. Es könne nicht sein, dass pflegende Angehörige deutlich schlechter gestellt werden als junge Eltern. Der Verband fordert einen verbindlichen Rechtsanspruch auf eine drei Jahre befristete Familienpflegezeit. Die Höhe der Lohnersatzleistung würde wie beim Elterngeld im Regelfall 65 Prozent des letzten Nettoeinkommens betragen, höchstens jedoch 1.800 Euro.

VdK wirbt für mehr Entlastung

Verena Bentele, Präsidentin des Sozialverbands VdK Deutschland, sprach sich für mehr professionelle Entlastungsangebote der Pflegenden aus. "Die Belastungen sind deutlich geringer, wenn pflegende Angehörige stärker unterstützt werden." So müsse es zum Beispiel möglich sein, dass sich pflegende Angehörige für die Pflege eine Auszeit von der Arbeit nehmen, ohne dadurch große, finanzielle Nachteile zu haben.

"Pflege-Darlehen, über die aktuell solche Auszeiten finanziert werden, sind der falsche Weg und werden von pflegenden Angehörigen auch nicht nachgefragt", sagte Bentele. Seit 2015 hätten ganze 921 Menschen ein solches Darlehen genommen. Diese geringe Zahl an Anträgen sei nachvollziehbar, denn: Wer möchte sich für die Pflege schon verschulden? "Wir brauchen tragfähige Konzepte von Pflege-Auszeiten. Nur damit gelingt es Menschen, Beruf und Pflege wirklich miteinander zu vereinbaren."

AWO ebenfalls für Gesetzesreform

Auch die AWO hält die geltenden Regelungen des Pflegezeitgesetzes und des Familienpflegezeitgesetzes nicht für zielführend. Es fehle weiterhin an umsetzbaren Lösungen zur Entlastung pflegender Angehöriger. Es gebe "keinerlei angemessene Ersatzleistungen, die den etwaigen Verdienstausfall eines erwerbstätigen pflegenden Angehörigen auffangen". Der Verband forderte deshalb einen Rechtsanspruch auf familiäre Pflege für berufstätige pflegende Angehörige. "Dieser muss Maßnahmen beinhalten, die die Pflegenden finanziell und zeitlich entlasten und ihnen helfen, die eigene Gesundheit zu erhalten."

Pia Zimmermann, Sprecherin für Pflegepolitik der Linksfraktion, verwies darauf, dass professionelle Pflegeangebote fehlten oder nicht bezahlbar seien. Deshalb pflegten fast 2,6 Millionen Angehörige zu Hause. "Sie brauchen ein umfassendes System sozialer Sicherung und mehr Unterstützung", sagte Zimmermann. "Warum es dazu in der Konzertierten Aktion Pflege keine eigene Arbeitsgruppe gab, ist nicht zu verstehen."

Aus epd sozial Nr. 36 vom 6. September 2019

Dirk Baas