Ü90-Party: Zum Feiern nie zu alt

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Das Ehepaar Ellenrut (95) und Erich Taubitz (94) feiert mit bei der Ü90-Party in der Cafeteria "Zur Lebensfreude" im Sozialzentrum der Arbeiterwohlfahrt in Bensheim.
Bensheim (epd)

Ausnahmezustand in der Cafeteria der Arbeiterwohlfahrt: Im südhessischen Bensheim feiern die Senioren einmal im Jahr ihre Ü90-Party. Dann herrscht der Ausnahmezustand. Mit dabei: die Band "Sorgenbrecher".

"Noch was Sahne drauf?", schreit der junge Kellner gegen "Tulpen aus Amsterdam" an. Die weißhaarigen Damen am Tisch nicken kräftig, während sie gemeinsam zum Takt der Musik wippen. Sie lehnen sich zur Seite, damit der Mann mit der Sprühdose an die Teller mit dem Erdbeerkuchen kommt. Im Hintergrund klirrt Geschirr; Bässe von Saxofon und Akkordeon hallen durch die normalerweise beschauliche Cafeteria.

Im Sozialzentrum der Arbeiterwohlfahrt in hessischen Bensheim an der Bergstraße herrscht heute Ausnahmezustand. Einmal im Jahr, immer im Mai, startet hier die Ü90-Party. Inzwischen eine etablierte Größe im Bensheimer Festkalender.

"Erst wurde die Idee belächelt", erinnert sich Sigrid Schmeer, Leiterin des Sozialdienstes im AWO-Zentrum Bensheim. Der Einfall ist der Stadt zum "Hessentag" 2014 gekommen. Auf dem großen Landesfest war Premiere. "Die Stadt ist damals auf uns zugekommen und hat gesagt: Es wird so wenig für alte Leute getan", erzählt Schmeer.

Beim Alter gibt es kein Pardon

Eingeladen wird seitdem nur, wer den 90. Geburtstag hinter sich hat - oder am Tag der Party 90 wird. Da sind die Organisatoren streng. Wer erst 89 ist, muss sich noch ein Jahr gedulden. "Das ist ein Ansporn für die Leute", erzählt Tanja Eichelbaum vom AWO-Sozialzentrum.

Mit Hilfe einer Liste aus dem Bürgerbüro schreiben Mitarbeiter der 41.000-Einwohner-Stadt die Senioren an. In diesem Jahr waren es 380, erzählt Andrea Schumacher von der Stadtverwaltung, die die Party mitorganisiert. Für das Programm lädt das Team Musiker aus der Gegend ein, die schon von Seniorentagen oder dem Winzerfest bekannt sind.

"Die Sorgenbrecher" gehören zur Stammbesetzung. Das Männer-Duo spielt Hits von Peter Kraus und Cliff Richard. Viele der Feiernden können die Lieder mitsingen. Die Luft im Saal ist stickig. Der 81-jährige "Sorgenbrecher" Helmut Gondolph nimmt seine Kapitänsmütze ab und wischt sich den Schweiß von der Stirn. Mit seinem Akkordeon zieht er von Tisch zu Tisch. Bei Hermine Schuster macht er Halt.

Rund 70 Senioren sind gekommen

Heute ist ihr 93. Geburtstag. Es gibt einen Blumenstrauß und einen Händedruck vom Bensheimer Bürgermeister Rolf Richter (CDU). "Ich bin eigentlich kein großer Partymensch", verrät das Geburtstagskind. "Aber es ist ganz schön, mit anderen zusammen zu kommen."

Rund 70 Senioren sind der Einladung gefolgt. Auch Ellenrut Taubitz und ihr Mann Erich haben es sich am Ende eines Tisches direkt am Fenster gemütlich gemacht. Die 95-Jährige ist schon zum fünften Mal dabei. "Ich erkenne das hoch an, dass die Stadt das macht. So fühlt man sich wie in der Mitte der Gemeinschaft", lobt die gebürtige Saarländerin das Konzept. Das Ehepaar wohnt ganz in der Nähe in einem kleinen Reihenhäuschen, wie die fitte Seniorin erzählt. Zweimal im Monat kommt die Putzfrau. Ansonsten erledigt sie alles selbst: Waschen, Bügeln, Putzen. "Ich mach's gern", betont Taubitz.

95 Jahre. Mit Blick in die Zukunft kein außergewöhnliches Alter mehr. Mehr als jedes dritte neugeborene Mädchen (37 Prozent) wird einer aktuellen Studie zufolge seinen 100. Geburtstag erleben. Laut den Berechnungen des Max-Planck-Instituts für demografische Forschung liegt die durchschnittliche Lebenserwartung von 2017 geborenen Mädchen bei 94,8 Jahren. Schon heute sind rund 740.000 Menschen in Deutschland mindestens 90 Jahre alt.

Bewegung hält jung

"Ich bin viel geschwommen früher und hab Gymnastik gemacht, auch im Alter", erzählt Taubitz. "Und", sie hebt den Zeigefinger, "ich laufe jeden Tag zum Einkaufen, wenn ich nicht so viel zum Tragen habe. Ich glaub, das hält jung."

So agil wie Ellenrut Taubitz sind nicht alle im Raum. Viele hören nur noch wenig, einige sind dement. "Die nehmen das hier nicht bewusst als Party war, aber die Atmosphäre und die Musik. Die alten Lieder schaffen Erinnerungen", sagt AWO-Mitarbeiterin Eichelbaum. Sie steht zufrieden im Türrahmen. Neben ihr lehnen Rollatoren zusammengeklappt an der Flurwand. Ein paar Minuten kann die Gastgeberin durchatmen. Gerade sorgen die "Grieseler Rote Funken" für Stimmung.

Die fünf Mädchen von der Kinderballettgruppe hocken mit ihren neonfarbenen Tüllröcken auf dem Boden. Im Takt zu "We will rock you" klopfen sie mit ihren flachen Händen auf den Boden. Zu "I love Rock'n'Roll" läuft die Truppe klatschend durch die Menge. Die Partygäste machen mit, einige heben ihre Hände in die Höhe. "Zugabe!", ruft ein älterer Herr.

"Viele alte Menschen sind einsam. Hier können sie Leute treffen, Kaffee trinken. Das ist mal was Anderes", erklärt sich Gudrun Frehse vom örtlichen Deutschen Roten Kreuz den Erfolg der Feier. Die freiwillige Helferin genießt die zufriedenen Gesichter der Gäste am Ende des Tages. "Man wird viel angesprochen und auch mal gedrückt. Das gefällt mir."

Aus epd sozial 22/19 vom 31. Mai 2019

Carina Dobra