SOS-Kinderdorf: Nach der Reform ist vor der Reform

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Sabina Schutter

Der Verein SOS-Kinderdorf begrüßt das beschlossene Jugendstärkungsgesetz. Doch einige Mängel müssten in der Zukunft noch behoben werden, schreibt Vorstandsvorsitzende Sabina Schuttler in ihrem Gastbeitrag für epd sozial. Einer davon ist die Heimunterbringung von Geschwisterkindern, die noch immer nicht als Regelfall vorgesehen ist.

Die Reform des Kinder- und Jugendhilferechts ist einen entscheidenden Schritt vorangekommen: Mit dem Anfang Mai verabschiedeten Kinder- und Jugendstärkungsgesetz soll sich die Jugendhilfe künftig mit all ihren Angeboten inklusiv ausrichten. Damit ist gemeint, dass sie mittelfristig für alle Kinder und Jugendlichen - mit und ohne Behinderungen - zuständig sein wird und dass deren Unterstützungsbedarfe entsprechend im Leistungsrecht des SGB VIII verortet werden.

Das anspruchsvolle Projekt einer inklusiven Kinder- und Jugendhilfe wurde seit langem fachlich diskutiert und sollte bereits in der vergangenen Legislaturperiode als gesetzliches Reformvorhaben auf den Weg gebracht werden - ohne dass es dafür eine politische Mehrheit gegeben hätte. Umso erfreulicher ist es, dass das Kinder- und Jugendstärkungsgesetz nach einem umfangreichen Beteiligungsprozess nun noch vor der Bundestagswahl 2021 in Kraft tritt und damit die überfällige Entwicklung hin zu einer inklusiven Gestaltung der Jugendhilfe angestoßen ist.

Das mehrstufige Verfahren, das bis zur vollständigen Umsetzung der Gesamtverantwortlichkeit der Jugendhilfe ins Jahr 2028 reicht, lässt der Fachpraxis die notwendige Zeit, sich fachlich wie strukturell weiterzuentwickeln. Die Belange aller jungen Menschen können so auch fachlich gut verankert werden.

Entscheidende Weichen gestellt

SOS-Kinderdorf hat sich am Dialogprozess „Mitreden - Mitgestalten“ beteiligt und Positionen des Vereins und der von ihm vertretenen Kinder und Jugendlichen eingebracht. Im Mittelpunkt standen und stehen für uns dabei die Rechte der jungen Menschen, die Leistungen der Kinder- und Jugendhilfe in Anspruch nehmen, sowie deren individuelle Bedarfe. Letztere sind vielfältig, und entsprechend müssen es auch die Hilfen sein. In diesem Sinne hat das Kinder- und Jugendstärkungsgesetz entscheidende Weichen gestellt. Die Beteiligung von jungen Menschen in all ihren Angelegenheiten, wie etwa dem Hilfeplanverfahren, soll nun in einer Form erfolgen, die sie wahrnehmen. Auch müssen verschiedene Maßnahmen zur Verbesserung des Kinderschutzes hervorgehoben werden.

SOS-Kinderdorf hat im Gesetzgebungsverfahren immer wieder darauf aufmerksam gemacht, wie wichtig Geschwisterbeziehungen für Kinder sind. Daher ist es ein Erfolg, dass künftig die Geschwisterperspektive im Hilfeplanverfahren berücksichtigt werden soll. Unsere Erfahrungen in der Begleitung von Geschwistergruppen zeigen, dass Geschwister in den stationären Erziehungshilfen einander Halt geben und sich wechselseitig ein Anker sein können. Gerade in Situationen der Inobhutnahme - als Maßnahme, die bei Gefahr im Verzug ergriffen werden kann und die ohnehin ein krisenhaftes Ereignis ist - ist es sehr bedeutsam, Geschwister als Gruppe zusammen zu lassen. Und es ist richtig und wichtig, dass die Perspektive von Geschwisterbeziehungen regelhaft in die Hilfeplanung einbezogen werden soll.

Geschwisterkinder anders betreuen

Wir hätten uns allerdings noch mehr gewünscht: In einem weiteren Reformschritt wäre die gemeinsame Unterbringung von Geschwistern als Regelfall rechtlich zu verankern. Davon sollte unserer Meinung nach nur abgewichen werden, wenn triftige Gründe einer Kindeswohlgefährdung gegeben sind. Wird sich für eine getrennte Unterbringung entschieden, so ist sicherzustellen und zu fördern, dass die Geschwister miteinander in Kontakt bleiben können. Dies gilt auch schon für die Inobhutnahme von mehreren Geschwisterkindern. Eine Konkretisierung der gesetzlichen Regelungen würde die Situation von Geschwistergruppen in der stationären Erziehungshilfe erheblich verbessern.

Bisher gibt es noch zu wenige Unterbringungsmöglichkeiten für Geschwisterkinder und ihre gemeinsame Unterbringung stellt eher noch die Ausnahme dar - vor allem in der Inobhutnahme. Aus diesem Grund haben wir das Geschwisterhaus im SOS-Kinderdorf Bremen aufgebaut. Die Bereithaltung von Geschwisterplätzen in ausreichender Anzahl ist dort mit einem Kostenrisiko verbunden, das aktuell der Verein selbst trägt, weil wir dieses Angebot für unerlässlich halten. Um hier Planungssicherheit zu schaffen und die Versorgungslücke zu schließen, wäre eine gesetzliche Verankerung der gemeinsamen Unterbringung von Geschwistern ein dringend notwendiger Impuls für öffentliche und freie Jugendhilfeträger, entsprechende Angebote aufzubauen.

Eine weitere Forderung, die SOS-Kinderdorf seit langem vertritt, war und ist die Verbesserung der Lebenssituation junger Volljähriger, die in der stationären Erziehungshilfe aufgewachsen sind. Care-Leaver sind eine Gruppe von jungen Menschen, die erst in den letzten zehn Jahren in den Fokus der fachlichen Auseinandersetzung gekommen ist. Die Möglichkeit zur Nachbetreuung in die Hilfe für junge Volljährige ist deshalb eine wichtige Entwicklung der Reform.

Junge Erwachsene in den Blick nehmen

Die Forschung von SOS-Kinderdorf zeigt, dass die Wege in die Selbstständigkeit sehr unterschiedlich verlaufen. Es gibt junge Menschen, die ohne Schwierigkeiten in die Selbstständigkeit gehen. Das gilt aber nicht für alle: Biografien können auch brüchig verlaufen. Es ist eine Tatsache, dass die Persönlichkeitsentwicklung junger Menschen sowie ihre individuellen Möglichkeiten zu einer eigenständigen Lebensführung nicht unbedingt an das Erreichen der Volljährigkeit gekoppelt sind.

Die Pandemie hat zudem gezeigt, wie schnell in den Biografien junger Menschen - auch bei denen, die keine Leistungen der Kinder- und Jugendhilfe erhalten - Verzögerungen entstehen können. Das gilt aber besonders für diejenigen, die biografische Belastungen mitbringen. SOS-Kinderdorf hat deshalb bereits in seiner Stellungnahme zum Kinder- und Jugendstärkungsgesetz gefordert, die Regelaltersgrenze für junge Volljährige von 21 Jahre auf 23 Jahre anzuheben. Das würde es vereinfachen, bei Bedarf Hilfen regelhaft gewähren, etwa um Bildungsprozesse länger zu unterstützen.

Nicht zuletzt möchte ich an dieser Stelle auf die Kostenheranziehung der Einkommen junger Menschen für die Jugendhilfeleistungen aufmerksam machen. Diese Heranziehung abzuschaffen, ist ein Anliegen, für das sich junge Menschen selbst stark gemacht haben - auch einige, die in Einrichtungen von SOS-Kinderdorf leben.

Keine finanziellen Rücklagen

Auf dem Weg in die Selbstständigkeit ist es für sie essentiell, dass sie eine Ausbildung absolvieren und auf diesem Weg finanziell unabhängig werden. In der Selbstständigkeit ist es oft notwendig, Beträge anzusparen. Deshalb legen Familien, deren Kinder zu Hause leben, ein Sparbuch an oder stellen in anderer Weise Geld zur Verfügung. Care-Leaver hingegen sind oft auf sich allein gestellt. Sie können nicht auf ein Sparbuch oder finanzielle Ressourcen ihrer Eltern zurückgreifen. Es ist daher eine wichtige Frage der Chancengerechtigkeit für alle jungen Menschen, dass die Kostenheranziehung nicht nur abgesenkt, sondern endlich aufgehoben wird. Diese Weiterentwicklung sollten wir in einem nächsten Schritt angehen.

Diese Reform der Kinder- und Jugendhilfe wird nicht die letzte sein oder anders gesagt: nach der Reform ist vor der Reform. Es gibt auch nach dem Inkrafttreten des KSJG noch einige Handlungsbedarfe in der Kinder- und Jugendhilfe, wie ich hier kurz skizziert habe.

Sabina Schutter war Professorin für Pädagogik der Kindheit an der Technischen Hochschule Rosenheim und ist Vorstandsvorsitzende des SOS-Kinderdorf e.V.