"Nachbarschaft ist eine Haltung"

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Die "gute Stube" am Mittleren Ring in Muenchen

Nachbarschaftshilfen sind gerade in Großstädten zu einem festen Bestandteil des sozialen Lebens geworden. Die Münchner Privatinitiative „Die gute Stube“ wurde jetzt mit einem Preis für ihr Konzept ausgezeichnet.

München (epd). Die Schleißheimer Straße Nr. 278 in München: Während die nahe Stadtautobahn Mittlerer Ring mit ihren Verkehrsgeräuschen zu hören ist, gehen in dem einstöckigen Gebäude in der Dämmerung die Lichter an. „Die gute Stube“ ist an der Fassade zu lesen, und „Für Senioren und alle, die es werden wollen“. Drinnen sieht „Die gute Stube“ aus wie ein geräumiges, gemütliches Wohnzimmer. An einem großen Tisch wird Kaffee getrunken, es gibt selbstgebackenen Kuchen. An der Wand flackert ein elektrischer Kamin. „Das hier ist unser Zweitwohnsitz“, sagt Steffi Leitz, „nur ohne Übernachtung.“

Begegnungsort in der Nachbarschaft

Vor drei Jahren hat die 42-Jährige zusammen mit Michael Berndt (47) und zwei weiteren Gründern den Nachbarschaftstreff aus der Taufe gehoben, und jetzt haben sie für ihr Projekt den mit 5.000 Euro dotierten Deutschen Nachbarschaftspreis der Stiftung nebenan.de gewonnen.

Die Jury lobt „Die gute Stube“ als einen „Begegnungsort in der Nachbarschaft, der mit seinen niedrigschwelligen und kreativen Angeboten bereits Hunderte Menschen erreicht hat. Nachbarinnen jeden Alters kommen hier zusammen, um gemeinsam neue und alte Hobbys zu pflegen. “Die Idee dieses Ortes ist einfach wie genial", lobt die Jury den Preisträger.

„Nachbarschaftsinitiativen sind in einer Großstadt wie München sehr wichtig. Sie ermöglichen ein aktives Miteinander und sind damit ein wertvolles Mittel gegen die Anonymität und Vereinsamung“, sagt auch Münchens Sozialreferentin Dorothee Schiwy.

Kontakt zu anderen Menschen

Für Sebastian Gallander, den Geschäftsführer der Stiftung nebenan.de, ist Nachbarschaft „eine Haltung“. Das zeige gerade die Corona-Krise. Sie habe „vielfach auch die beste Seite von uns Menschen zum Vorschein gebracht: Nachbarinnen und Nachbarn, die sich gegenseitig unterstützen“.

Am Kaffeetisch spricht Steffi Leitz darüber, warum sie den Verein ins Leben gerufen hat. Viele Seniorinnen und Senioren seien allein und wünschten sich mehr Kontakt zu anderen Menschen. Für Michael Berndt steht im Vordergrund, wie man sinnvoll seine Freizeit gestalten kann. Wer in einer kleinen Wohnung lebe, habe nicht viele Möglichkeiten, seinen Hobbys nachzugehen.

Das kann man aber an der Schleißheimer Straße 278. Das gesamte Gebäude beherbergte bis 2013 die Schwestern der „Karmelitinnen vom Göttlichen Herzen Jesus Christus“, der Orden verkaufte das Kloster an einen Bauträger. „Die gute Stube“ nutzt nur einen kleinen Teil des weitläufigen Gebäudes. Neben dem zentralen „Wohnzimmer“ mit seinen Bücherregalen und Lehnstühlen gibt es eine Bastelstube, eine Sportstube mit Fitnessgeräten und eine Musikstube mit Schlagzeug und anderen Instrumenten. Im Keller des Gebäudes kann Theater gespielt werden.

Gemeinsames Abendessen

Wer kommt hierher in den Nachbarschaftstreff? Angelika B. zum Beispiel. „Hier gefällt es mir“, sagt die 67-Jährige. Sie hat früher als Sekretärin gearbeitet, ist seit zwei Jahren in Rente. „Was macht man den ganzen Tag?“, sagt sie, es gebe zu viel Zeit, die „um die Ecke gebracht“ werden müsse. So kommt sie meist nachmittags hierher, trifft andere Senioren, isst mit ihnen abends zusammen.

Wie lange es den Nachbarschafts- und Seniorentreff „Die gute Stube“ in der Schleißheimer Straße 278 noch geben wird, ist unklar. Der Bauträger plant, auf dem Gelände des ehemaligen Klosters Wohnungen zu errichten, hat bis zum Baubeginn einen Teil des Gebäudes dem Verein überlassen. „Ich glaube nicht, dass wir in den nächsten zwei oder drei Jahren raus müssen“, gibt Steffi Leitz ihrer Hoffnung Ausdruck. Jedenfalls lässt derzeit der Verein auf eigene Kosten neue Heizkörper einbauen. Richtig warm ist es derzeit nur im Wohnzimmer.

Rudolf Stumberger