Leiharbeit in der Pflege boomt

s:22:"Betreuung im Altenheim";
Betreuung im Altenheim

In Heimen und Kliniken gibt es zu wenig festangestellte Pflegekräfte - auch weil sich Pflegerinnen und Pfleger oft für Zeitarbeit entscheiden. In der Leiharbeit gibt es mehr Geld und weniger Pflichten. Ein Problem für die Träger der Einrichtungen.

München/Würzburg (epd). Pflegekräfte sind dieser Tage von unschätzbarem Wert. In vielen Heimen und Kliniken herrscht Fachkräftemangel. Auch deswegen boomt die Leiharbeit. „Wir müssen gerade unglaublich viele Mitarbeiter in Kliniken unterbringen“, sagt eine Personaldienstleisterin aus München. Weil es so turbulent zugeht, hat sie auch keine Zeit für die Presse. Inzwischen kann selbst der Bedarf an Leihpflegekräften nicht mehr gedeckt werden, erklärt dazu eine bayerische Heimleiterin.

Spannungen in Teams

Immer mehr Pflegekräfte steigen aus, arbeiten stressbedingt in Teilzeit oder sind länger erkrankt. Oft bleibt Einrichtungen nichts anderes übrig, als Ausfälle durch Leiharbeitskräfte aufzufangen. „Auch wir haben immer wieder Zeitarbeitnehmer“, sagt Michael Bauch, Betriebsratsvorsitzender im Klinikum Würzburg Mitte. Das sorge für Spannungen in den Teams, denn häufig suchten sich Leiharbeitskräfte beliebte Schichten aus und verdienten auch mehr.

Wegen solcher vielen Annehmlichkeiten ist die Verlockung groß, in die Leiharbeit zu wechseln. Bei Trägern von Kliniken und Heimen stößt das auf Kritik. Doch die meisten machen notgedrungen mit. „Auch wir müssen teilweise auf Leiharbeit zurückgreifen“, sagt Sonja Schwab, Leiterin der Abteilung „Soziale Dienste“ im Caritasverband für die Diözese Würzburg. Zeitarbeit in der Pflege sei für die Caritas jedoch nur das letzte Mittel der Wahl. Man versuche alles, um ohne auszukommen.

Auch bei der Diakonie ist Leiharbeit nicht der erste Schritt im Kampf gegen die Personalnot. Jochen Keßler-Rosa, Geschäftsführer der Diakonie Schweinfurt, gibt alles, um feste Mitarbeiter zu finden: „Wir haben bisher nur ein einziges Mal auf Zeitarbeit zurückgegriffen.“ Zeitarbeiter verdürben in der Pflege „die Stimmung“ wegen ihrer Privilegien. Je nachdem, wie, wann und wo Leiharbeiter eingesetzt sind, liege der Lohn fast beim Doppelten. Hier werde mit der Not in der Pflege „ein Geschäft“ gemacht.

Nötig wäre eine „richtige Pflegereform“

„Dieses besondere Arbeitsverhältnis hat aber auch psychologische Auswirkungen“, sagt Michael Friedla, Regionalbeauftragter für den Kreis Augsburg der Bundesinteressenvertretung für alte und pflegebetroffene Menschen (BIVA). Leiharbeiter könnten sich oftmals besser von ihrer emotional belastenden Arbeit distanzieren als festangestellte Altenpflegerinnen.

Am Thema „Leiharbeit“ zeigten sich grundlegende Probleme des Pflegesektors, sagt Friedla. Die Politik habe es versäumt, die Bedingungen für Pflege so zu verbessern, dass der Beruf für viel mehr Menschen attraktiv ist. Damit meint er nicht nur die Bezahlung: „Vor allem die Arbeitsbedingungen.“ Leiharbeitsfirmen könnten ja nur deshalb höhere Löhne und bessere Konditionen bieten, weil diese händeringend gesucht werden. Daran zeige sich, wie nötig eine „richtige Pflegereform“ wäre.

Dass der Zusammenhalt im Team durch Zeitarbeiter verloren zu gehen droht, bestätigt Friedla. Festangestellte Altenpflegerinnen und Altenpfleger erleben es als Affront, dass Pflegekräfte in der Leiharbeit meist selbst bestimmen können, an welchen Tagen sie arbeiten. Viele könnten sich sogar die Schichten aussuchen: „Zumindest haben sie auch dabei mehr Mitsprache.“ Die Leiharbeitskräfte würden in der Regel auch nicht bei Personalengpässen an freien Tagen zur Arbeit gerufen.

4.300 Pflege-Leiharbeiter in Bayern

Das letzte Quartal 2021 war in der Pflege besonders stressig. Vor allem in der Intensivmedizin. Gerade hier werfen immer mehr Pflegekräfte hin. Kliniken berichteten von gehäuften Krankmeldungen und sogar Kündigungen, teilte das bayerische Gesundheitsministerium mit. Auch in der Intensivpflege kommen Leiharbeiter zum Einsatz. Die Zahl der Pflege-Leiharbeitsfirmen in Bayern ist nicht bekannt - nur, dass Ende Juni 2020 knapp 4.300 Beschäftigte in Pflegeberufen als Leiharbeiter tätig waren.

Pflegekräfte schaffen dieser Tage nur mit großer Ausdauer das, was ihr Job von ihnen verlangt. Das bekommt Friedla mit: „Viele Pflegekräfte gehen über ihre Belastungsgrenzen hinaus, um Bewohner oder Kollegen nicht hängenzulassen.“ Fallen sie aus und werden an ihrer Stelle Leiharbeitskräfte eingesetzt, gehe dies zulasten der alten Leute: „Sie sind die Leidtragenden, wenn sich durch den Einsatz von bessergestellten externen Pflegekräften das Arbeitsklima verschlechtert.“

In der Pflege geht es - anders als in manch anderen Jobs - nicht nur darum, irgendwie sein Pensum zu erfüllen, sagt Friedla. Er verdeutlicht das an einer Bewohnerin mit empfindlicher Pergamenthaut. Eine Leiharbeiterin, die dies nicht wusste, habe die Patientin mit üblichen Handgriffen mobilisieren wollen. Sie sei auf Abwehr gestoßen und habe dokumentiert, dass die Frau die Mobilisation verweigert habe. Friedla: „Das zeigt, wie der Einsatz von externen Pflegekräften die Qualität von Pflege mindern kann.“

Pat Christ