Kitas zwischen Bildungsanspruch und Budgetknappheit

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Basteln im Berliner INA Kindergarten
Berlin (epd)

Eine Kita kann prägend sein für das ganze Leben. Frühe Bildung entscheidet über Karrieren, sagen Experten. Doch was macht eine gute Kita aus? Klar ist: Der beste pädagogische Ansatz nutzt wenig ohne ausreichend Fachpersonal.

In der "Nestgruppe" im ersten Stock spielt ein Kind mit Bauklötzen, ein anderes blättert mit der Erzieherin in einem Buch, eine Zweijährige drückt sich ihre Nase am Aquarium platt, um Fischchen zu beobachten. In der Nachbargruppe verkleiden sich die älteren Kinder, tanzen oder rechnen. "Es sind nicht die exklusiven Angebote, die aus einer Kita eine sehr gute machen", ist Castra Herfen überzeugt, "der Alltag an sich ist ein umfassendes Bildungsangebot."

200 Kinder auf der Warteliste

Castra Herfen leitet den INA Kindergarten Preußstraße, eine von 19 Kitas der INA.Kinder.Garten gGmbH. Nach dem pädagogischen Ansatz des Kitabetreibers haben die Kinder von Anfang an eigene Rechte; ihre Bedürfnisse und Interessen, Entdeckerfreude und Forscherdrang stehen im Mittelpunkt der pädagogischen Arbeit.

Förderschwerpunkt neben Bewegung und Sport ist in der Kita die Sprachbildung. Dafür nimmt die Einrichtung auch am Bundesprogramm "Sprach-Kitas: Weil Sprache der Schlüssel zur Welt ist" des Bundesfamilienministeriums teil. Außerdem gibt es eine bilinguale Kitagruppe (Niederländisch-Deutsch). Diese Kita ist so beliebt, dass rund 200 Kinder für das nächste Kita-Jahr auf der Warteliste stehen - Plätze gibt es jedoch nur für 17 Neuzugänge.

Die Kita in der Preußstraße bietet also offensichtlich nach Auffassung vieler Eltern eine gute Qualität. Doch was zeichnet eine gute Kita aus? Was sind hierfür objektive Kriterien? In den Augen von Katharina Spieß, Professorin für Familien- und Bildungsökonomie am Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW Berlin), orientiert sich eine gute Kita an der Entwicklung der Kinder, fördert ihre Sprachbildung sowie ein Grundverständnis für Mathematik, Naturwissenschaft und Technik und sie unterstützt die Schulfähigkeit. Allerdings sei noch zu sehr der Glaube verbreitet, dass kleine Kinder nur beschäftigt und bespaßt werden müssten.

Große regionale Unterschiede

Nach Spieß' Ansicht kann die Bedeutung früher Bildung gar nicht hoch genug geschätzt werden. Denn diese "entscheidet über Bildungskarrieren und später auch über Erwerbskarrieren", sagte die Expertin dem Evangelischen Pressedienst (epd). Studien belegten, dass Investitionen in die frühe Bildung die Teilhabechancen aller befördern und gesamtgesellschaftlich zu einer größeren Einkommensgerechtigkeit beitragen. Die Familienökonomin fordert deshalb eine "hohe Bildungsqualität mit gut ausgebildeten pädagogischen Fachkräften, einem adäquaten Personalschlüssel und ausreichenden Finanzressourcen".

Bei der Ausstattung der Kitas mit Ressourcen gibt es große regionale Unterschiede. Manche Kommunen gäben für Kitas mehr Geld aus, als sie nach den rechtlichen Regelungen müssten. "Die Qualität der frühen Bildung ist wohnortabhängig", sagte die Leiterin des Bereichs Frühkindliche Bildung bei der Bertelsmann Stiftung, Kathrin Bock-Famulla, dem epd. Insofern hänge die erfolgreiche Suche nach einer guten Kita auch von Zufällen ab.

Erzieherinnen als "unterbezahlte Manager"

Um die Qualität der Kinderbetreuung bundesweit zu verbessern, trat im Januar das sogenannte Gute-Kita-Gesetz in Kraft. Mit ihm überweist der Bund in den kommenden vier Jahren 5,5 Milliarden Euro zusätzlich an die Länder, um die Qualität der Kinderbetreuung zu verbessern. Castra Herfer vom INA Kindergarten in Berlin glaubt jedoch nicht, dass ihr das Gesetz helfen wird, die Alltagsprobleme der Kita zu lösen.

Vor allem helfe es nicht, den Fachkräftemangel zu beseitigen oder für eine bessere Bezahlung der Beschäftigten zu sorgen. "Unsere Erzieher und Erzieherinnen sind hoch qualifiziert, sie machen pädagogische Angebote, befördern die Elternarbeit, sie dokumentieren die Entwicklung der Kinder, sie müssen aber auch Essen zubereiten, saubermachen, aufräumen und putzen."

Herfer nennt sie "unterbezahlte Manager". Eine Fehlentwicklung sieht die erfahrene Kita-Leiterin in der bundesweit angestrebten Beitragsfreiheit für Eltern. "Diese Gelder fehlen, um den Personalschlüssel und damit die Qualität der Kitas anzuheben", sagt sie.

Aus epd sozial 10/2019 vom 8. März 2019

Verena Mörath