Hitzehilfe: "Ein Anruf genügt"

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Helfer der Hitzehilfe kümmern sich um Obdachlose in Berlin.

Hitzewellen machen Menschen, die auf der Straße leben, besonders zu schaffen. Sie können nicht einfach eine kühle Dusche oder frische Kleidung aus dem Schrank nehmen. Cooling-Busse suchen obdachlose Menschen in Berlin auf und bieten Hilfe an.

Berlin (epd). Während Berlin-Touristen auf Liegen an der Spree gegenüber vom Hauptbahnhof kühle Drinks schlürfen, sitzen auf der anderen Seite obdachlose Menschen im Schatten einer Unterführung unter den Gleisen. An diesen Ort im Regierungsviertel verirren sich keine Touristen. Er ist eine der Stationen, die die Hitzebusse der Karuna-Sozialgenossenschaft anfahren.

Ingo Bauer öffnet die Schiebetür, holt eine Sechserpack Wasserflaschen und stellt sie auf den Boden. Sein Kollege Ayhan Atlin fragt die Menschen, die unter der Brücke Zelte aufgeschlagen haben, was sie brauchen. Die beiden Obdachlosenlotsen bieten außerdem blaue Trinkflaschen aus Metall, in Plastiksäcke abgefülltes Wasser zum Waschen, Sonnencreme, Zahnpasta und andere Hygieneartikel an.

Drei Busse auf unterschiedlichen Routen unterwegs

Roberto Boca nimmt eine Flasche Wasser. Er sei seit drei Wochen in Berlin und suche Arbeit, sagt der 27-jährige Italiener. Einen Platz im Wohnheim hat er nicht bekommen, aber er beklagt sich nicht.

Am Morgen hat das Team von Karuna in der Zentrale abgesprochen, welcher der insgesamt drei Busse der Initiative welche Orte anfährt, an denen sich gewöhnlich Obdachlose aufhalten. Jeweils zwei Mitarbeiter fahren in einem Bus. Unter einer Brücke an einer befahrenen Kreuzung liegt ein Mann, der sich eingenässt hat und zu schlafen scheint. „Hast du Schmerzen?“, fragt Atlin ihn. „Schaffst du es, hochzukommen? Trinkst du einen Schluck Wasser? Willst du dich frisch machen oder möchtest du weiterschlafen?“ Der Mann scheint unter Alkoholeinfluss zu stehen und lehnt jede Hilfe ab.

„Sie können sich nur selber retten“

„Das ist traurig, da kann man nichts machen, nein ist nein“, sagt Atlins Kollege Bauer: „Wir können Wasser verteilen, aber wir können sie nicht retten, sie können sich nur selber retten, wenn sie ihre Sucht besiegen.“ Bauer hat selbst jahrelang auf der Straße gelebt. Er weiß aus Erfahrung, was es heißt, bei Hitze kein Dach über dem Kopf zu haben: „Der Teer verbrennt dich.“ Jetzt lebt er in einem kleinen Haus, das nicht größer als der Hitzebus ist. Mit leiser, aber eindringlicher Stimme fordert er, Menschen, die auf der Straße leben, die Möglichkeit zu geben, in Teichen in Parks schwimmen zu gehen. „Sie können es sich nicht leisten, ins Hallenbad zu gehen“, setzt er zur Erklärung hinzu.

Zwischen den Vordersitzen des Busses steckt eine graue Plastikkiste. Das sei sein Büro, sagt Atlin stolz. Die Mitarbeiter der Hitzehilfe verteilen nicht nur Wasser und Sonnencreme. Sie haben auch Adressen von Ansprechpartnern parat, die Hilfe leisten können. Atlin verteilt bei Bedarf überdies Hundefutter.

Auf Abruf erreichbar dank Hotline

Neben ihren geplanten Touren sind die klimatisierten Cooling-Busse auch auf Abruf im Einsatz. „Ein Anruf genügt“, sagt Atlin und verweist auf die von Karuna betriebene Hotline. Unter der Nummer 0157/80597870 könnten sich sowohl Betroffene als auch Passanten melden, wenn sie etwa auf in der Sonne eingeschlafene Menschen aufmerksam werden. Innerhalb einer Stunde nach dem Anruf sei ein Team der Hitzehilfe vor Ort, sagt der Obdachlosenlotse.

Das Schlimmste sei nicht die Obdachlosigkeit, sondern die Gleichgültigkeit der Menschen, klagt Herbert Hacker. Der 60-Jährige lebt in einer Ansammlung von Zelten, die im Schatten eines kleinen Wäldchens auf einer Brache mitten in der Stadt stehen. „Letztes Jahr ist einer auf einer Treppe am Ostbahnhof gestorben“, erzählt er mit bayerischem Akzent: „Die Leute sind einfach vorbeigegangen.“

Die Karuna-Busse sind nur eines von mehreren Hitzehilfe-Projekten, die der Berliner Senat mittlerweile fördert. Als er 2010 um Sonnencreme für Obdachlose gebeten habe, sei er für verrückt gehalten worden, berichtet Dieter Puhl, der langjährige Leiter der Stadtmission am Bahnhof Zoo. Hitzehilfe sei überfällig. Der Winter sei für Obdachlose wegen der Kältehilfe-Unterkünfte fast erträglicher als der Sommer: „Wasser ist gut, aber nötig ist Beziehungsarbeit.“ Angebote für Obdachlose seien in Berlin noch immer dünn gesät.

Bettina Gabbe