"Freie Wohlfahrt muss Nachhaltigkeitsziele unterstützen"

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Marianne Dehne
Berlin (epd)

Die Unternehmen und Verbände der Freien Wohlfahrtspflege haben viele Möglichkeiten, im Sinne der Nachhaltigkeitsstrategie der Bundesregierung und der Vereinten Nationen zu agieren. Marianne Dehne von der Diakonie Deutschland zeigt konkrete Wege auf.

Bekanntlich steht es um unseren Planeten nicht zum Besten. Dieses Jahr hat der sogenannte Erdüberlastungstag erstmals schon Ende Juli stattgefunden, die Erreichung der Klimaziele steht in den Sternen und laut Welthunger-Index gibt es bei der Bekämpfung des weltweiten Hungers wieder Rückschläge. Und das, obwohl die Generalversammlung der Vereinten Nationen im September 2015 ihre 17 "Ziele für nachhaltige Entwicklung" (Sustainable Development Goals, SDGs) verabschiedet hat. Dazu gehören beispielsweise "Keine Armut", "Gesundheit und Wohlergehen", "Nachhaltige/r Konsum und Produktion", "Maßnahmen zum Klimaschutz" und "Frieden, Gerechtigkeit und starke Institutionen".

"Ein gutes Leben für alle"

Bis 2030 sollen die 17 Ziele und ihre 169 Unterziele von der Staatengemeinschaft erreicht werden. Basis für die Umsetzung der SDGs in Deutschland ist die im Januar 2017 von der Bundesregierung verabschiedete Deutsche Nachhaltigkeitsstrategie 2016, die 2018 noch einmal aktualisiert wurde. Damit "ein gutes Leben für alle", wie es in dem Strategiepapier heißt, möglich wird, sind alle gesellschaftlichen Akteure zur Umsetzung aufgerufen. Es ist eine Gemeinschaftsaufgabe, und eine dringliche dazu.

Sind auch wir Akteure der Freien Wohlfahrtspflege gefordert? Immerhin ist die Freie Wohlfahrtspflege ein sehr großer gesellschaftlicher Akteur und könnte schon aus diesem Grund richtig etwas bewegen. Die SDGs sind in der Tat für die Freie Wohlfahrtspflege relevant, und zwar in dreifacher Hinsicht.

Die SDGs bilden erstens einen konkreten Rahmen zur Bewältigung der verschiedenen kritischen Zukunftsthemen, einen Rahmen, der anschlussfähig ist an unsere Werte und unser Selbstverständnis. Sie stellen gewissermaßen eine gemeinsame Bezugsgröße dar, die branchenübergreifend und weltweit gültig ist.

Wohlfahrtspflege hat Nachholbedarf

Zweitens verleihen sie der sozialen Arbeit der Verbände, Unternehmen, Einrichtungen und Dienste der Freien Wohlfahrtspflege auf den verschiedenen Hilfefeldern eine noch stärkere Legitimation. Wir sollten in der Öffentlichkeit unbedingt sichtbarer machen, wie viel wir schon dazu beitragen, die SDGs in Deutschland umzusetzen, und vor diesem Hintergrund weitere Unterstützung dafür einfordern. Drittens aber bedeuten sie auch eine große Herausforderung, denn bei einigen Zielen haben wir deutlich noch "Luft nach oben".

Insbesondere "Klimaschutz" und "Nachhaltiger Konsum" sind Handlungsfelder, in denen in der Freien Wohlfahrtspflege noch Nachholbedarf besteht. Bei ökologischen Themen und bei Menschenrechtsthemen weltweit hält sich die Wohlfahrtspflege häufig "vornehm zurück". Dabei sind die Auswirkungen ihrer Geschäftstätigkeit beträchtlich. Grundsätzlich wird bei der Wohlfahrtspflege der wechselseitige Zusammenhang zwischen ökologischer und sozialer Gerechtigkeit stark unterschätzt. Dabei hat ein sorgsamer Umgang mit der Umwelt unmittelbar positive Effekte auf die Lebensbedingungen der Menschen. Wenn wir als Freie Wohlfahrtspflege auf die Einhaltung von Menschen- und Arbeitsrechten weltweit achten, beugen wir im Zeitalter der Globalisierung einer Abwärtsspirale vor, die auch bei uns um der Wettbewerbsfähigkeit willen zu einem Bröckeln von Standards führt.

Im Sinne einer ganzheitlichen Perspektive plädiere ich dafür, nicht einzelne Ziele gegeneinander auszuspielen, sondern nach Lösungen zu suchen, die keine Menschengruppen benachteiligen. So darf Klimaschutz selbstverständlich nicht auf Kosten von Menschen mit geringem Einkommen gehen. Aber das heißt ja nicht, dass ambitionierter Klimaschutz zum "Feindbild" der Sozialen Arbeit werden muss.

Ansätze auf drei Ebenen

Natürlich geht es bei der Umsetzung der SDGs nicht ohne Prioritätensetzung. Alle 17 Ziele gleichzeitig anzugehen, hieße sich zu überheben. Eine gute Wesentlichkeitsanalyse hilft dabei zu klären: Welche Ziele hängen eng mit unserem eigenen Geschäftsmodell zusammen? Wo haben wir als Freie Wohlfahrt besonders viele Möglichkeiten, Dinge zum Besseren zu wenden? An welchen Stellen sind die negativen Auswirkungen auf Mensch und Umwelt besonders groß, wenn wir nichts tun?

Die Freie Wohlfahrtspflege sollte das Thema auf drei Ebenen gleichzeitig angehen:

• Die Unternehmen, Einrichtungen und Dienste können je für sich anfangen, ihre Handlungsmöglichkeiten auszuloten und sich zu fragen, "was geht". Gerade das Kostenargument sollte nicht dazu führen, die eigene Verantwortung und die vorhandenen Spielräume von vornherein auszublenden. Es gibt schon eine ganze Reihe Mitglieder, die sich in diesem Sinne auf den Weg gemacht haben. Mittlerweile können sie dabei auch auf zahlreiche Unterstützungsangebote zurückgreifen. Dazu zählen beispielsweise die kostenlose Ausbildung zum/r Klimamanager/in im Krankenhaus, Materialien zur Umsetzung von Klima- und Ressourcenschutz in der Großküche, das Portal "Kompass Nachhaltigkeit" des Bundesentwicklungsministeriums, das Portal zur umweltfreundlichen Beschaffung des Umweltbundesamtes und die Förderberatung Energieeffizienz des Bundeswirtschaftsministeriums.

Verbände können Multiplikatoren sein

• Die Verbände können – neben der Umsetzung von Nachhaltigkeitsaktivitäten im eigenen Haus - Anlaufstellen und Multiplikatoren sein. Sie können vernetzen, eine Plattform bieten und gute Beispiele aufbereiten. Sie können bei bestimmten Themen konkrete Schwerpunkte setzen und eigene Projekte realisieren. So hat etwa die Abteilung Qualitätsmanagement/Nachhaltigkeit des AWO Bundesverbandes das Projekt "Klimafreundlich pflegen" aufgesetzt, das CSR-Kompetenzzentrum im Deutschen Caritasverband hat u.a. eine Handreichung zum Thema Nachhaltigkeitsberichterstattung veröffentlicht und die Diakonie Deutschland hat 2018 ihr Netzwerk "Nachhaltigkeit@Diakonie" gegründet, das allen Mitgliedern der Diakonie offensteht. Außerdem legt sie derzeit einen Schwerpunkt auf das Thema "Nachhaltige Textilien", die gerade im Krankenhaus- und Pflegebereich in großen Mengen eingesetzt werden. Hier ließe sich durch gezielte Bündelung der Nachfrage viel bewegen.

• Aber auch politisch können die Verbände stärker tätig werden. Denn die Politik muss die Rahmenbedingungen dafür verbessern, dass sich ein SDG-orientiertes Verhalten lohnt. Sie müsste Anreize setzen und ihre Förder- und Unterstützungsstrukturen zum Thema Nachhaltigkeit für freigemeinnützige Unternehmen ausbauen. Kostenträger müssten bei der Vergabepraxis honorieren, dass Nachhaltigkeit an der einen oder anderen Stelle (zum Beispiel bei Lebensmitteln) ihren Preis hat – und dass das auch okay ist, denn schließlich geht es um eine andere Art von Qualität.

In diesem Sinne sollten sich möglichst viele Akteure der Freien Wohlfahrtspflege in die Weiterentwicklung der Deutschen Nachhaltigkeitsstrategie einbringen, die am 29. Oktober 2019 gestartet ist. Denn bei den Indikatoren und Maßnahmen zu den Unterzielen der SDGs, die auf nationaler Ebene festgelegt werden, ist die Expertise der Freien Wohlfahrtspflege dringend gefragt. Und wir zeigen nicht nur, dass uns das Thema der SDGs wichtig ist, sondern auch, dass wir wichtig für ihre Umsetzung sind.

Aus epd sozial Nr. 44 vom 1. November 2019

Dr. Marianne Dehne ist Referentin im "Zentrum Recht und Wirtschaft" der Diakonie Deutschland.