Expertin: Viele staatliche Hilfen kommen bei Schuldnern nicht an
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Ines Moers

Die Bundesarbeitsgemeinschaft Schuldnerberatung pocht weiter auf eine gesetzliche kostenlose Schuldnerberatung in ganz Deutschland. Im Interview mit epd sozial erläutert Geschäftsführerin Ines Moers, warum das helfen würde, den großen Bedarf zu befriedigen. Die Beratungszahlen steigen weiter, besonders in den Städten.

Berlin (epd). Zwar steigen nicht überall die Beratungszahlen in Zeiten hoher Inflation und steigender Energiekosten linear an. Es gibt große regionale Unterschiede, sagt Ines Moers. Doch der Bedarf bei verschuldeten Bürgerinnen und Bürger, professionelle Hilfe zu bekommen, sei mancherorts gewaltig. Problem: Erfasst werden nur die erfolgten Beratungsgespräche, nicht aber die Wünsche nach Beratung. Die Fragen stellte Dirk Baas.

epd sozial: Frau Moers, die Inflation ist weiter hoch, die Energiepreise werden erst rückwirkend gedeckelt. Da liegt die Vermutung nahe, dass Ihre Beratungszahlen gestiegen sind? Ist das so?

Ines Moers: Das ist regional sehr unterschiedlich, berichten uns die Beratungskräfte. In einigen Regionen, insbesondere in städtischen, sind seit Beginn der Corona-Pandemie steigende Beratungsanfragen festzustellen, die durch die Inflation und die gestiegenen Energiepreise weiter zunehmen. Andere Beratungsstellen berichten dagegen kaum von Veränderungen. Allerdings werden in den meisten Beratungsstellen auch nur die tatsächlich erfolgten Beratungen gezählt, wie es das Überschuldungsstatistikgesetz vorsieht.

epd: Der Beratungsbedarf wird also nicht systematisch erfasst?

Moers: Die Beratungsanfragen zu erheben, ist nicht flächendeckend vorgesehen. Im Dezember hat deshalb zum wiederholten Male eine von den Verbänden initiierte Umfrage unter den Beratungsstellen stattgefunden. Die Ergebnisse aus der Zeit November und Dezember 2022 liegen mir leider noch nicht vor. Im Sommer vergangenen Jahres ergab die Umfrage folgendes Bild: Zwei Drittel der Beratungsstellen meldeten eine höhere Nachfrage als vor der Pandemie. Bei einem Fünftel stieg die Nachfrage gar um 30 Prozent.

epd: Kann man diese hohe Nachfrage noch bewältigen?

Moers: Es gibt in vielen Beratungsstellen längst schon lange Wartelisten - aber auch das ist regional sehr unterschiedlich. Denn: Der Zugang zu kostenfreier Sozialer Schuldnerberatung ist je nach Region unterschiedlich finanziert. Wir fordern deshalb schon lange ein Recht auf kostenlose Schuldnerberatung und haben den Appell dazu zusammen mit der Initiative Finanzwende und dem Institut für Finanzdienstleistungen jetzt wieder neu publik gemacht.

epd: Wo ist die Lage besonders heikel?

epd: In städtischen Regionen ist die Situation - meist aufgrund angespannter Wohnungsmärkte - tendenziell deutlich angespannter als in den ländlichen. Das ist aber mein persönlicher Eindruck, eine konkrete Statistik kann ich noch nicht vorweisen.

epd: Wie bewerten Sie die nähere Zukunft? Wird der Beratungsdruck weiter steigen?

Moers: Wir rechnen damit, dass die Beratungszahlen weiter zunehmen, wenn die Abrechnungen der Energieanbieter kommen und klar ist, dass die Rechnungen nicht bezahlt werden können. Das beginnt nun langsam, berichten viele Beratungsstellen. Die finanziellen Probleme und die Zahl der Ratsuchenden wird nach unserer Einschätzung aber auch allgemein immer weiter zunehmen.

epd: Warum?

Moers: Wir sind nie von einer „Welle“ durch Corona oder steigende Preise ausgegangen, sondern von einem kontinuierlichen Anstieg der Beratungszahlen - was sich aktuell auch zu bewahrheiten scheint. Und das hat Gründe. Viele Menschen erkennen gerade, dass die derzeitigen Krisen nicht innerhalb von ein paar Monaten überstanden sind, sondern dass sich langfristige Veränderungen abzeichnen. Mehr als Corona und Ukrainekrieg wirken die Klimakrise und andere gesellschaftliche Veränderungen. Die Haushalte stellen sich daher langsam darauf ein, dass sie ihre persönliche wirtschaftliche Lage grundlegend verändern müssen, um auf Dauer über die Runden zu kommen. Das ist für Viele nicht leicht und oft ein langer Prozess, an dessen Anfang wir gerade erst stehen. In der Schuldnerberatung, die ja Soziale Arbeit ist und nicht allein Rechts- oder Budgetberatung, versuchen wir, genau diese Prozesse konstruktiv und positiv zu begleiten.

epd: Wird das neue Bürgergeld mittelbar für eine Entspannung sorgen?

Moers: Inwieweit die aktuellen Gesetzesänderungen und Hilfspakete der Bundesregierung eine Überschuldung lindern, können wir derzeit schwer einschätzen. Positiv bewerten wir die Einschränkung der Minderjährigenhaftung, die durch die Einführung des Bürgergelds endlich umgesetzt wurde. Das ist auf jeden Fall von Vorteil, denn wenn Eltern als Vorstand einer Bedarfsgemeinschaft Schulden beim Jobcenter machen, werden die Ansprüche mit Eintritt in die Volljährigkeit des Kindes nicht mehr gegenüber den Eltern, sondern gegenüber den volljährig Gewordenen geltend gemacht. Das wird künftig zumindest begrenzt.

epd: Was müsste gesetzlich noch geregelt werden, um Schuldner zu entlasten?

Moers: Wir sind der Ansicht, dass die (Un)Pfändbarkeit von staatlichen Leistungen zwingend in jedem Gesetzgebungsprozess mitbedacht werden muss. Das ist vielfach nicht geregelt. Deutlich wurde das zuletzt bei der Energiepreispauschale im September oder der Inflationsprämie. Leider wurde hier versäumt, die Unpfändbarkeit der Leistung klar im Gesetz zu regeln. Sobald es eine Lohn- oder Kontopfändung gibt oder jemand in der Insolvenz ist, ist es mit viel Aufwand verbunden, die Hilfen ausgezahlt zu bekommen. Uns scheint, als sei die Lebensrealität der fast sieben Millionen überschuldeten Menschen im Gesetzgebungsverfahren komplett vergessen worden. Das war auch bei den Corona-Hilfen so. Solche Mängel führen dazu, dass diejenigen, die das Geld am dringendsten brauchen, es nicht bekommen.