Expertin: Pflegestudium führt zu wissenschaftlichem Blick am Patientenbett

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Henrikje Stanze
Bremen (epd)

Die Akademisierung der Pflege kommt voran, wenn auch nur langsam. Henrikje Stanze, Professorin für Pflegewissenschaft in Bremen, erläutert im Interview, warum es diese Form der Professionalisierung braucht und wie die Zusammenarbeit aller Gesundheitsberufe künftig aussehen muss.

Die Bremer Pflegeforscherin Henrikje Stanze fordert einen "wissenschaftlichen Blick am Bett der Patientinnen und Patienten". "Wir brauchen evidenzbasiertes Wissen, denn nur so kann sich die Behandlung und Versorgung von Menschen mit Pflegebedarf entwickeln", sagt die Professorin Henrikje Stanze. Deshalb müssten deutlich mehr Pflegefachkräfte an die Hochschulen. Das werde auch die Zusammenarbeit aller Gesundheitsberufe verändern. Die Fragen an Stanze stellte Dirk Baas.

epd sozial: Frau Professorin Stanze, mit der universitären Ausbildung von Pflegefachleuten ist Deutschland im Vergleich zu anderen Ländern spät dran. Gibt es dafür eine Erklärung?

Henrikje Stanze: Eine wirklich logische Erklärung gibt es dafür nicht. Es ist einerseits die fehlende Emanzipation der Pflege, wie es beispielsweise in den USA der Fall war. Dort wehrten sich Pflegekräfte dagegen, als bloße Assistenzkräfte der Ärzte behandelt zu werden, und setzten sich aktiv ein, als eigenständige Berufsgruppe mit eigenen Verantwortungsbereichen angesehen zu werden. In Deutschland haben ärztlich organisierte Berufsverbände lange Zeit dafür plädiert, Pflegekräften nicht zu viel Verantwortungsbereiche zuteilwerden zu lassen. Das hat in der Diskussion um die Akademisierung der Pflege häufig sehr zum Ausbremsen weiterer Entwicklungen geführt.

epd: Was könnten weitere Gründe sein?

Stanze: Es liegt der deutschen Kultur etwas inne, sich vorerst beobachtend zurückzulehnen und mal zu schauen, was da die anderen so machen. Zudem beschwert sich unsere Gesellschaft zu wenig, das trifft besonders auf die Pflegekräfte zu. Sie beschweren sich zwar untereinander und gehen vielleicht mal auf eine Demonstration, aber sie sind auch ziemlich schnell demotiviert und gar desillusioniert. Sie werfen schnell das Handtuch, wenn die Aufmerksamkeit für ihre Anliegen nicht gleich sehr hoch ist mit dem einen Versuch, den sie gestartet haben.

epd: Wie erklärt sich das?

Stanze: Die Pflegekräfte selbst sehen, was sie jeden Tag leisten und wie relevant ihr Beruf ist. Aber wenn dann ihre beruflichen Probleme nicht die Aufmerksamkeit in den Medien bekommen und gesellschaftliche Empörung hervorrufen, wie sie beispielsweise Fluggesellschaften bei Streiks erfahren, dann ist das enttäuschend. Dennoch müssen Pflegekräfte am Ball bleiben und lauter werden.

epd: Warum ist es wichtig, auch hierzulande in der Pflege Akademikerinnen und Akademiker zu haben?

Stanze: Das ist wichtig, auch unabhängig vom Faktum des Alterns der Gesellschaft. Wir brauchen evidenzbasiertes Wissen, denn nur so kann sich die Behandlung und Versorgung von Menschen mit Pflegebedarf entwickeln. Wir benötigen einen "wissenschaftlichen Blick am Bett der Patientinnen und Patienten". Das heißt, es müssen Probleme beziehungsweise Forschungsinteressen von den Praktikern selbst erkannt und benannt werden, um einen - bewusst so formuliert - Praxis-Theorietransfer zu gewährleisten.

epd: Wie könnte der in der Praxis aussehen?

Stanze: Pflegefachkräfte müssen beginnen, alltägliche Arbeiten und Routinen kritisch zu hinterfragen und so die pflegerischen Maßnahmen optimieren oder gar neue Wege daraus entwickeln. Auch brauchen wir zu den nicht-akademisch ausgebildeten Pflegekräften die Akademiker, um eine Lücke in der Behandlung und Versorgung von Menschen mit pflegerischem Hilfebedarf zu schließen.

epd: Von Spanierinnen und Spaniern, die in Deutschland in der Pflege arbeiten sollten, weiß man, dass viele sehr schnell das Handtuch geworfen haben. Auch weil sie ganz andere Arbeitsverhältnisse im Pflegealltag vorgefunden haben als sie erwartet haben. Sie sahen sich selbst als überqualifiziert an. Ist das nicht ein Problem, dass auch hierzulande droht?

Stanze: Nein, das denke ich nicht. Es hat ja etwas mit der Solidarisierung des Nachwuchses zu tun. Wir helfen einander gegenseitig und dazu zählt auch, dass sich niemand zu schade sein darf, ein Essenstablett wegzuräumen oder den Müll in einem Zimmer zu entsorgen. Teamarbeit muss gefördert werden. Dabei ist auch zu klären, welche Arbeitsaufgaben die jeweilige Berufsgruppe hat und wer welche Verantwortungsbereiche übernimmt. Dabei ist Kommunikation, Respekt und Anerkennung wichtig.

epd: Was bedeutet das für die Zusammenarbeit der verschiedenen Professionen etwa in einer Klinik?

Stanze: Das führt auf jeden Fall zu ganz anderen Abläufen als bisher. Ärztinnen, Physiotherapeuten, Geburtshelferinnen usw. müssen lernen, im Job mehr miteinander zu sprechen und die Arbeitsschritte wie Zahnräder in einander laufen zu lassen. Da haben wir noch viel Arbeit vor uns.

epd: Lässt sich das in der Ausbildung einüben und besser vorbereiten?

Stanze: Ja, das ist ein Grund, weswegen die Hochschule Bremen - wie auch ein paar andere Hochschulen - einen Gesundheitscampus aufbauen. Studierende von Gesundheitsberufen sollen schon im Grundstudium beziehungsweise Weiterbildungsstudiengängen Module zusammen absolvieren. Ärztinnen, Pflegefachkräfte, Physiotherapeutinnen und Geburtshelfer, um nur einige Berufsgruppen zu nennen, lernen gemeinsam, um die jeweiligen Aufgabenfelder besser kennenzulernen und die Zusammenarbeit aktiv zu gestalten. So ist gewährleistet, mit den wissenschaftlichen Erkenntnissen mitzuhalten und gemeinsam für Patienten und Angehörige die beste Versorgung und Betreuung zu sichern.

epd: Viele Expertinnen und Experten sagen, wenn Hochqualifizierte in der Pflege eingesetzt werden sollen, müssen sich die Arbeitsinhalte und vor allem die Arbeitsteilung mit den Ärzten grundlegend verändern. Ist das so?

Stanze: Grundlegend nicht. Ich bin der Meinung, dass beide Berufsgruppen den gemeinsamen Unterstützungsbedarf konkret herausarbeiten und formulieren müssen. Entweder die Pflegekraft kann die Verantwortung übernehmen und dafür dann auch geradestehen oder eben nicht. Delegierte Aufgaben von Ärztinnen an Pflegekräften - das ist wieder eine assistierte Arbeit und die Pflegekraft führt sie aus, ohne selbst nach Ideen und Vorstellungen gefragt worden zu sein. Wieso darf eine Pflegekraft selbstständig keine Paracetamol oder Ibuprofen ausgeben, wenn sie akademisch dafür ausgebildet wurde? Akademisch ausgebildete Pflegekräfte können eigene Pflegediagnosen erstellen und ein umfassenderes Bild von Patienten liefern - und versiert die Behandlung und Versorgung mitgestalten. Das führt zu schnelleren und effizienteren Heilungsprozessen, wie es in Amerika, aber auch in skandinavischen Ländern gezeigt wird.

epd: Und außerhalb von Kliniken?

Stanze: Auch Aufgaben im ambulanten Bereich könnten akademisch ausgebildete Pflegekräfte übernehmen, die Hausärzte sehr unterstützen würden. Beispielsweise im Rahmen von Gesprächen zur Vorausschauenden Versorgungsplanung (Stichwort Patientenverfügung), aber auch bei der professionellen Symptomeinschätzung und dem daraus folgenden Behandlungsbedarf. Akademisch ausgebildete Pflegekräfte könnten eine Zwischeninstanz bilden und Hausärzte wirksam entlasten.

epd: Blicken wir auf die Studieninhalte und Ziele. Für welche Tätigkeiten im Speziellen wird wie universitär qualifiziert und gibt es unterschiedliche Ansätze an den Hochschulen oder ein einheitliches Curriculum?

Stanze: Die Antwort fällt schwer, doch versuche ich es. Mit den primärqualifizierenden Studiengängen ist es möglich, Pflege Vollzeit zu studieren, so wie es auch im Ausland üblich ist. Die abzuleistenden Theorie- und Praxisstunden, um ein in Deutschland staatlich anerkanntes Examen als Pflegefachfrau oder -mann - wie durch die übliche Berufsausbildung - zu erhalten, ist bei allen Hochschulen gleich im Angebot, so dass sowohl ein Bachelor-Abschluss als auch das Staatsexamen erworben wird. Anders gestalten die Hochschulen jedoch die Länge des Studiums und die zu erlangenden Credit-Points.

epd: Wie machen Sie es in Bremen?

Stanze: Die Hochschule Bremen geht einen deutschlandweiten Sonderweg, denn es muss im Studium ein Auslandsemester absolviert werden und das Studium ist acht Semester lang, um den Bachelor of Science zu erwerben. Dadurch werden 240 Credit-Points erworben und somit ist alles erfüllt, dass der Abschluss an der Hochschule Bremen international anerkannt wird. Das haben nicht alle Hochschulen, denn das Studium ist mitunter kürzer und Absolventen haben dann weniger Credit-Points erfüllt.

epd: Wie ist das zu bewerten?

Stanze: Das ist eine sinnvolle Lösung, denn nicht alle Studentinnen und Studenten haben das Ziel, später eine volle Anerkennung auf dem internationalen Arbeitsmarkt zu bekommen. Den Studieninteressierten ist es womöglich willkommen, auf ein Auslandsemester zu verzichten und eben Zeit zu sparen. Curricular gestalten die Hochschulen ihre Modulhandbücher zum einen anhand der Ausbildungs- und Prüfungsverordnung für die Pflegeberufe und fügen zusätzlich noch weitere, meist wissenschaftlich geprägt, Inhalte mit ein, die dann die jeweiligen Experten der Hochschule selbst gestalten. Das ist bei allen Studiengängen so.

epd: Das Duale Studium ist ebenfalls möglich?

Stanze: Ja. Das war damals eine Regelung, um den Vorgaben der von Deutschland unterzeichneten Bologna-Erklärung nachzukommen. Damit erhält die Ausbildung der Pflege in Deutschland, die im europäischen Vergleich mit der nicht-akademischen Ausbildung einen Sonderweg geht, eine akademische Zusatzqualifikation. Das hat sich bedingt gut durchgesetzt, denn diese dualen Studiengänge laufen parallel zur Ausbildung und enden ebenfalls mit einem zusätzlichen Bachelor-Abschluss. Allerdings befähigen diese Studienabschlüsse überwiegend zu beruflichen Karrieren, die nicht mehr am Patientenbett in der direkten Pflegepraxis stattfinden. Meist sind es Abschlüsse im Bereich Pflegemanagement, -pädagogik oder -wissenschaft und haben mit dem alltäglichen Pflegeberuf nur noch entfernt etwas zu tun. Sie sind keine akademisch ausgebildeten Pflegekräfte im direkten Patienten-, Klienten-, Bewohnerkontakt mehr.

epd: Ist das ein Problem?

Stanze: Ja, das ist nur teilweise zielführend. Die Lösung der dualen Studiengänge wurde deshalb bereits begrenzt, und somit ist davon auszugehen, dass diese Studiengänge bis 2030 auslaufen werden und durch die primärqualifizierenden Studiengänge abgelöst werden. Deren Einführung der primärqualifizierenden war lange überfällig, so dass wir nun endlich international angeglichen sind und das wird Auswirkungen auf Verantwortungsbereiche, Bezahlungen und Karriereoptionen für Pflegekräfte und die Weiterentwicklung des Pflegeberufes an sich haben.

epd: Alle Welt beklagt den Pflegenotstand, es fehlt flächendeckend an Fachkräften. Welchen Beitrag zum Kampf gegen diesen Notstand kann die Uni-Ausbildung hier leisten? Und sehen Sie ein Problem, dass es irgendwann zu viele Akademikerinnen in der Pflege gibt und nach wie vor zu wenige klassisch ausgebildete Fachkräfte?

Stanze: Nein, es wird immer mehr "klassisch ausgebildete" als akademisch ausgebildete Pflegekräfte in Deutschland geben. Die Pflege hat eigene therapeutische Felder und die gilt es mehr hervorzuheben und die eigenen Arbeitsbereiche mehr in den Fokus zu nehmen. Wir müssen versuchen, einen Qualifikations-Mix herstellen, um eine Mischung aus ausgebildeten und akademisierten Pflegekräfte am Patientenbett zu bekommen. Nach der bisherigen Erfahrung gewinnt man so junge Menschen dazu, die unbedingt studieren möchten und sonst womöglich in einem anderen Bereich gelandet wären. Es geht um Nachwuchs, der bereit ist, wissenschaftlich zu denken und sich mit den erfahrenen Praktikern auszutauschen. Der Deutsche Wissenschaftsrat hat bereits 2012 die Empfehlung ausgesprochen, dass mindestens zehn Prozent aller Pflegenden an deutschen Kliniken studiert haben sollten. Davon sind wir immer noch weit entfernt. Das ist aber nicht als Konkurrenz, sondern als Erweiterung der klassischen Pflege zu sehen. Und wir bekommen mehr Anerkennung und Attraktivität des Pflegeberufes und wirken der Deprofessionalisierung und dem Pflegenotstand entgegen.

epd: Gibt es Zahlen, wie viele Studierende derzeit an den Hochschulen sind und wie ist der Trend? Reichen die Kapazitäten aus?

Stanze: Es noch zu früh, um das adäquat beantworten zu können, vor allem mit Blick auf die primär qualifizierenden Studiengängen. Der Wissenschaftsrat hatte seinerzeit zehn Prozent Pflege-Akademiker empfohlen. Heute sind wir noch nicht einmal bei fünf Prozent.

epd: Jetzt ist der Start der Generalisierung in der Pflegeausbildung gemacht. Viele Auszubildende werden nach ihrem Abschluss auch an die Hochschulen wollen. Ist das bei den Reformen bedacht worden und was sind die formalen Voraussetzungen, ein Pflegestudium aufzunehmen?

Stanze: Jein! Noch gibt es die dualen Studienangebote, die interessierte Personen mit einem staatlichen Examen zur Pflegefachfrau oder Pflegefachmann anschließend zusätzlich belegen können. Auch gibt es die Möglichkeit, sich durch die bereits erfolgreich absolvierte Berufsausbildung, Credit-Points anrechnen zu lassen. Damit habe ich dann ein bis zwei Semester gespart in den primärqualifizierenden Studiengängen, doch der Rest muss trotzdem an der Hochschule geleistet werden. An der Hochschule Bremen arbeiten wir zurzeit mit Nachdruck an einem Masterstudiengang, das heißt, wir wollen die Möglichkeit bieten, sich nach dem Grundstudium fachlich weiter zu spezialisieren. Pflegefachkräfte sollen hier durch einen Quereinstieg die Möglichkeit bekommen, einen Bachelor-Abschluss nachzuholen, um sich für den Masterstudiengang zu qualifizieren. Auch gibt es die Möglichkeit einzelne Module zu belegen und dann ein Weiterbildungszertifikat zu erhalten. Informationen dazu wollen wir im Laufe des Jahres 2021 auf der Homepage veröffentlichen.

aus epd sozial Nr. 7 vom 19. Februar 2021