Expertin: Für viele Behinderte ist die Tagesstruktur weggebrochen

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Birgitta Neumann
Bochum (epd)

Die Beschränkungen im Zuge der Corona-Pandemie sind in der Behindertenhilfe stark zu spüren. Birgitta Neumann von der Unternehmensberatung contec GmbH hat seit März das Interimsmanagement eines Trägers der Behindertenhilfe mit rund 1.250 Klientinnen und Klienten übernommen - und berichtet von ihren Erfahrungen.

In den Einrichtungen der Behindertenhilfe hat sich mit dem Ausbruch der Corona-Epidemie Grundlegendes geändert. "Mit der Schließung der Werkstätten ist die Beschäftigung und somit die Tagesstruktur für viele Menschen mit Behinderung von heute auf morgen weggebrochen", sagt die Bochumer Unternehmensberaterin Birgitta Neumann im epd-Interview. Die Herausforderungen für die Einrichtungen sind nach ihrer Erfahrung vielfältig: Die Betreuung müsse neu organisiert werden, die Auflagen der Behörden seien teilweise widersprüchlich. Für viele Träger sei zweifelhaft, ob am Ende das Geld reicht. Die Fragen an Birgitta Neumann stellte Markus Jantzer.

epd sozial: Frau Neumann, Sie arbeiten seit Ende März als Interim-Geschäftsführerin bei einem Träger der Eingliederungshilfe, der neben mehreren Wohneinrichtungen auch eine Werkstatt für Menschen mit Behinderung betreibt. Welche Situation haben Sie bei Ihrem Einstieg vorgefunden?

Birgitta Neumann: Ende März hatte die Corona-Pandemie unsere Gesellschaft bereits voll im Griff, die Auflagen und Regelungen standen aber noch relativ am Anfang ihrer Umsetzung. Entsprechend herausfordernd war die Situation bei dem Träger, denn plötzlich trafen alle Aspekte einer umfassenden Krise aufeinander: Unsicherheit und Spekulation, Sorgen um die wirtschaftliche Zukunft durch die Schließung der Werkstätten, die Angst vor dem Virus selbst sowohl unter Mitarbeitenden als auch unter den betreuten Menschen und dann der riesige logistische Aufwand, um alle Auflagen umsetzen zu können. Es ging in der ersten Zeit darum, erst einmal einen Überblick zu bekommen, auf welche Bereiche des Trägers die Pandemie und die Auflagen sich auswirken, und nebenbei eine starke Führung für die Mitarbeitenden vorzuhalten, die – wie in allen Branchen – extrem verunsichert waren.

epd: Wie hart trafen die Maßnahmen zum Infektionsschutz den Träger?

Neumann: Als Wohn- und Werkstattträger haben wir die Maßnahmen stark zu spüren bekommen. Mit der Schließung der Werkstätten brach die Beschäftigung und somit die Tagesstruktur für viele Menschen mit Behinderung von heute auf morgen weg. Diese musste nun im eigenen häuslichen Bereich und vor allem in der Wohneinrichtung geschaffen werden, was sowohl für Bewohnerinnen und Bewohner als auch für Mitarbeitende eine neue und zum Teil belastende Situation war - und noch immer ist. Zum Glück konnten die Mitarbeitenden der Werkstatt im Wohnbereich aushelfen, um alle Schichten abzudecken bzw. die Menschen mit Behinderung, die in der eigenen Häuslichkeit leben, zu Hause betreuen. Damit konnte auch größtenteils Kurzarbeit verhindert werden. Darüber hinaus wurde die Produktion von Teilbereichen der Werkstatt von den Mitarbeitenden weitergeführt, um Konventionalstrafen zu verhindern. In Teilen wurde auf Maskenproduktion umgestellt. Insofern sind die wirtschaftlichen Auswirkungen überschaubar. Die Herausforderungen bei diesem Träger sind eher pädagogischer, logistischer und psychologischer Natur als rein wirtschaftlich. Andere Träger mit vorrangig ambulantem Angebotsspektrum trifft die Krise zumindest wirtschaftlich gesehen wohl härter.

epd: Denken Sie, dass die staatlichen Schutzschirme für soziale Dienstleister ausreichen werden?

Neumann: Da muss nach Branche und Angebot differenziert werden. Während Krankenhäusern und Pflegeanbietern durch das Krankenhausentlastungsgesetz geholfen werden soll, kommt für Leistungserbringer der Eingliederungshilfe und andere das Sozialschutzpaket in Frage. Das hat sicherlich in einzelnen Regionen einiges an Entlastung gebracht, jedoch obliegt die finanzielle Ausgestaltung des Sozialdienstleistereinsatzgesetzes den Ländern bzw. Kommunen. Dieser dem Föderalismus geschuldete Flickenteppich führt dazu, dass es regional große Unterschiede in der Unterstützung sozialer Dienstleister gibt. Bundesweit haben viele Träger Kurzarbeit angemeldet. Vor allem kleinere Träger bangen um ihre Existenz, zumal Arbeitsverhältnisse wie Minijobs, die oft in ambulanten Settings eingesetzt werden, nicht unter die Option der Kurzarbeit fallen.

Contec steht auch in regelmäßigem Kontakt mit Trägern, deren Angebote nicht unter das Sozialdienstleistereinsatzgesetz fallen, weil sie eine Mischkalkulation aus verschiedenen Sozialgesetzbüchern haben. Auch gibt es viele Dienstleister im ambulanten Bereich, die als Kleinstunternehmen tätig sind. Hier hören wir mehr und mehr von wachsenden existenziellen Schwierigkeiten. Dies birgt die Gefahr, dass fachliche Kompetenz und Betreuungskapazitäten wegbrechen – eine fatale Auswirkung für die Begleitung von Kindern und Erwachsenen mit Behinderung oder in prekären Lebenssituationen.

epd: Welche konkreten Schwierigkeiten erleben Sie in der Praxis und wie gehen Sie damit um?

Neumann: Die hohe psychische Belastung auf Seiten der Mitarbeitenden und Klienten erfordert eine transparente und starke Führung. Aber angesichts der zurecht so vielbeschworenen dynamischen Entwicklungen der vergangenen Wochen ist auch eine gewisse Flexibilität vonnöten, gerade was die pädagogische Betreuung angeht. Hier ist viel an Methodenwissen gefragt: Was mache ich den ganzen Tag mit den Menschen, wie gehe ich mit der Enge um und wie begegne ich möglichem, durch den "Lagerkoller" ausgelösten herausfordernden Verhalten.

Ebenso ist starkes logistisches Denken und Handeln gefragt. Zum Teil erhielten wir täglich unterschiedliche Auflagen von Kommunen, Landschaftsverband, von der Heimaufsicht und dem Gesundheitsamt, die in Teilen nicht aufeinander abgestimmt waren und die deshalb sortiert, reflektiert und umgesetzt werden mussten – das ist bei so vielen Ansprechpartnern ein großer Aufwand. Zum Teil wurden Maßnahmen gefordert, die mit der Realität im Wohnen nicht vereinbar waren. Die Gebäude von besonderen Wohnformen sind in der Regel in ihren räumlichen Kapazitäten voll durchgeplant, da lässt sich nicht ohne weiteres ein Quarantäneraum umsetzen. Auch das Besuchsverbot hat die Betreuung der nun rund um die Uhr zu Hause gebliebenen Menschen nicht einfacher gemacht. Zwischenzeitlich hat sich die Lage etwas entspannt, wir sind nun mit ausreichend Schutzmasken versorgt, und die sich abzeichnenden Lockerungen sorgen für etwas Entspannung unter den Mitarbeitenden und Klienten. Gleichwohl ist es eine ständige Zitter-Partie, denn bei jedem Corona-Verdachtsfall startet die Maschinerie des Isolierens, Testens, vor allem des Wartens wieder von vorn. Dass teilweise bis zu vier Tage vergehen, bis ein Testergebnis vorliegt, bringt uns an die versorgerischen Grenzen. So lange fahren wir dann immer im Notfallmodus.

epd: Wie geht es nun weiter, da die ersten Lockerungen ins Haus stehen: Öffnung der Werkstätten, Aufhebung des Besuchsverbots?

Neumann: Es ist normal, dass die angekündigten Lockerungen und insbesondere die Öffnung der Werkstätten bei den Mitarbeitenden und Klienten für etwas Entspannung sorgen, aber uns als Führung stellen sie vor erneute logistische Herausforderungen, denn es ist ja kein Schritt zurück in eine hundertprozentige Normalität. Wir müssen weiterhin die Auflagen wie den Mindestabstand berücksichtigen, und das Besuchsverbot wird nur schrittweise gelockert. Ich nenne Ihnen zwei Beispiele: Die Bewohnerinnen und Bewohner, die sonst morgens in einem Bus zur Werkstatt fahren, müssen nun auf mindestens zwei Busse aufgeteilt werden. Wie wird das finanziert und wo sollen die Busse herkommen? Außerdem sind neue Absprachen zum Personaleinsatz erforderlich. Die Mitarbeitenden aus der Werkstatt verlassen dann die Wohnbereiche und kehren in die Werkstatt zurück. Der Mehraufwand im Wohnbereich schrumpft aber nicht wieder auf den Ursprungszustand, weil wahrscheinlich nicht alle Bewohner sofort in die Werkstatt zurückkehren können, sei es wegen Quarantäne oder wegen der Schutzmaßnahmen in der Werkstatt.

Bei der Lockerung des Besuchsverbots werden leider besondere Wohnformen der Eingliederungshilfe pauschal mit einem Pflegeheim gleichgestellt. Konzepte zur Lockerung der Besuchsregeln in Pflegeheimen sehen oft vor, dass nur eine geringe Zahl an Besuchern gleichzeitig die Einrichtung betreten darf. Das geht mit etwas Organisation im Pflegeheim ganz gut, die Bewohner dort sind ja auch 24 Stunden am Tag vor Ort. Aber viele unsere Bewohner arbeiten dann wieder und haben damit tagsüber viele Außenkontakte. Welchen Sinn macht dann ein eingeschränktes Besuchsrecht? Hier fehlt derzeit eine klare Richtlinie speziell für Einrichtungen der Eingliederungshilfe.

Es ist absehbar, dass die Auflagen auch weiterhin massiven Einfluss auf die Unterstützung zur Teilhabe haben werden. Wir werden die Konzepte und Abläufe dahingehend flexibel anpassen müssen. Dies wird unter Umständen mit dem bisherigen Personalschlüssel kaum zu leisten sein, mal ganz abgesehen von dem logistischen Aufwand. Es braucht eine öffentliche und unterstützende Diskussion, wie die Kosten, die dies verursachen wird, refinanziert werden können.

epd: Wie schätzen Sie den öffentlichen Diskurs um die Eingliederungshilfe in Zeiten von Corona ein und was würden Sie sich anders wünschen?

Neumann: Wie viele in der Branche empfinde ich ein Ungleichgewicht zwischen der Aufmerksamkeit, die sozialen Berufen wie beispielsweise der Pflege eingeräumt wird, und dem, was dem Rest der sozialen Arbeit entgegenkommt, beispielsweise der Eingliederungs- und der Kinder- und Jugendhilfe. Auf der einen Seite werden Wohnbereiche mit Pflegeheimen gleichgesetzt, wenn es um die Umsetzung von Quarantäne-Auflagen geht, was schon von der Bewohnergruppe her überhaupt keinen Sinn macht, und auf der anderen Seite werden die Begünstigungen, die Mitarbeitenden in der Pflege jetzt – völlig zurecht – zuteilwerden, den Mitarbeitenden in Eingliederungs- und Kinder- und Jugendhilfe vorenthalten. Ich wünsche mir etwas mehr Wertschätzung für die harte und engagierte Arbeit, die auch in der Eingliederungshilfe erbracht wird.

Darüber hinaus würde ich mir wünschen, dass die Behörden sich untereinander etwas besser abstimmen, sowohl bei ihren Auflagen als auch bei der Kommunikation. Vor Ort fehlt in der Krise wertvolle Zeit für Krisenintervention, Supervision für Mitarbeitende und für die Umsetzung aller Maßnahmen, wenn allein die Dokumentation und Kommunikation zu einem Zeitfresser wird. Die Schutzpakete und die Erstattung von Mehraufwänden durch die Krise sind alles andere als zentral geregelt. Da kann es schon einen erheblichen Unterschied machen, bei welchem örtlichen Kostenträger die Einrichtung angeschlossen ist.

epd sozial Nr. 20 vom 15. Mai 2020