Eine App gegen den Pflegenotstand

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Claudia Schüller (re.) im Einsatz als Alltagsbegleiterin. Hier hilft sie der 93-jährigen Helene Mayer.
München (epd)

Thomas Oeben will helfen, den Pflegenotstand ein bisschen kleiner zu machen. Dazu hat er eine App entwickelt, die hilfebedürftige Senioren und ehrenamtliche Helfer zusammenbringt. In München ist die preisgekrönte Entwicklung schon im Einsatz.

Eigentlich ist Helene Mayer mit ihren 93 Jahren noch ziemlich fit. Sie häkelt gerne und sagt: "Mit den Händen geht's no a bisserl." Auch "mit dem Kopf" ist noch alles gut, und sie kann viel aus ihrem langen Leben erzählen, von der Kindheit im ostpreußischen Tilsit über die Gefangenschaft in Russland und dann das Leben in Deutschland. Seit 1965 wohnt die Seniorin in ihrer Wohnung in München Pasing. An der Wand des Wohnzimmers hängt eine Urkunde des Roten Kreuzes. 15 Jahre lang hat sie sich ehrenamtlich um einen Professor gekümmert. Jetzt braucht sie selbst Hilfe.

"Ich kann ja nicht gehen", bringt Helene Mayer die Sache auf den Punkt. In der Wohnung bewegt sie sich mit einem Rollator fort, draußen ist sie mit dem Rollstuhl unterwegs. Und bei den Ausflügen in die nahe Umgebung und beim Einkaufen im nächsten Supermarkt hilft Claudia Schüller. Die 54-Jährige ist zwar berufstätig und arbeitet in Teilzeit als Sekretärin, nimmt sich aber die Zeit, um ehrenamtlich als sogenannte Alltagsbegleiterin für Senioren da zu sein.

Vielfältige Hilfe

Einmal in der Woche besucht Schüller drei Senioren, darunter auch Helene Mayer, und hilft: beim Ausfüllen von Formularen, beim Arztbesuch, beim Abhängen von Vorhängen, beim Einkaufen. Das macht sie schon seit zweieinhalb Jahren. "Ich finde es gut, etwas Sinnvolles zu tun", sagt sie.

Der Münchner Verein "dein Nachbar e.V." hat geholfen, Helene Mayer und Claudia Schüller zusammenzubringen. Den Verein gibt es seit fast vier Jahren. Mit aus der Taufe gehoben hat den Verein Thomas Oeben. Der 51-jährige Logistikfachmann hat sich eine Aufgabe gestellt: die Betreuung für Hilfebedürftige mittels Digitalisierung möglichst effizient zu gestalten.

Für diesen Ansatz hat der Verein mehrere Auszeichnungen erhalten, unter anderem den "Deutschen Exzellenzpreis 2019". Zuletzt wurde er als "Gutes Beispiel" ausgezeichnet. Bei der gleichnamigen Aktion des Radiosenders Bayern 2 errang das Nachbarschaftsnetzwerk den vierten Platz und bekam am 30. Mai ein Preisgeld von 2.000 Euro überreicht.

Und wie funktioniert der "interdisziplinäre Lösungsansatz aus Pflege, modernem Ehrenamt, exakt funktionierender Logistik und Digitalisierung der Prozesse", wie die Jury den Verein "dein nachbar" lobte? Vereins-Chef Oeben erklärt zunächst die Ausgangssituation: Rund 3,5 Millionen Pflegebedürftige werden in Deutschland gezählt, von denen 76 Prozent ambulant betreut werden. Die meiste Arbeit machen dabei die pflegenden Angehörigen, und dies oft mehr als zwölf Stunden. Und viele wünschen sich mehr Unterstützung bei der Pflege.

Digitaler Abgleich ist der Clou

Diese Unterstützung will der Verein mit einem Netzwerk an ehrenamtlichen Helfern bieten. Der Clou dabei: Die Fähigkeiten und Wünsche der Helfer werden digital mit den Anforderungen und Wünschen der Hilfsbedürftigen abgeglichen und mit Hilfe einer App aktualisiert. Wenn Claudia Schüller also nur mittwochs tätig sein will und vor allem im Haushalt helfen will, dann spuckt das Computerprogramm den entsprechenden Hilfebedürftigen aus. Und wenn die Helferin an einem Mittwoch nicht kann, weil sie erkältet ist, meldet sie das über die App.

Vereinschef Oeben ist sich sicher, "dass Logistik und Digitalisierung in Hinblick auf den Pflegenotstand einen großartigen Beitrag zur Lösung der Probleme leisten können". Sein Anliegen: In ganz Deutschland soll es digitalbasierte Unterstützungsnetzwerke für hilfebedürftige Senioren wie in München geben.

Der Verein mit seinen drei festen Mitarbeitern, darunter zwei Pflegefachkräften, bietet für die derzeit rund 300 ehrenamtlichen Helfer Schulungen und Weiterbildung an, sie erhalten zudem pro Stunde eine Aufwandsentschädigung von acht Euro. Betreut werden so 200 Hilfebedürftige pro Monat im ganzen Stadtgebiet, abgerechnet werden die Dienstleistungen mit der Pflegekasse oder mit 15,40 Euro pro Stunde auch privat. Die ehrenamtlichen Helfer müssen als Voraussetzung ein polizeiliches Führungszeugnis vorlegen.

Aus epd sozial 23/19 vom 7. Junin 2019

Rudolf Stumberger