An der Uni 16 Stunden ackern für den Traumberuf

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Medizinstudent ohne Abi: Lukas Fritz an der Mainzer Gutenberg-Universität
Mainz (epd)

Für ein Medizinstudium wird gewöhnlich ein Einser-Abitur benötigt, aber es gibt auch andere Wege. Der Mainzer Student Lukas Fritz steht inzwischen kurz vor dem Abschluss - obwohl er lediglich einen Hauptschulabschluss hatte.

Der berufliche Werdegang von Lukas Fritz klingt geradezu unglaublich. Arzt zu werden, das war der große Traum des heute 27-Jährigen. Schon als Schüler hatte er sich an seinem Wohnort bei Trier im Jugendrotkreuz engagiert. Aber es gab da ein ganz gewaltiges Problem auf dem Weg zum Medizinerberuf: "Wenn man einmal auf der Hauptschule gelandet ist, rückt das natürlich in weite Ferne."

Inzwischen hat sich der Rheinland-Pfälzer an der Universität Mainz erfolgreich fast bis zum Abschluss durch das Studium gekämpft - ohne Abitur. Das war möglich, weil die deutschen Hochschulen inzwischen einen Teil der Studienplätze an "beruflich Qualifizierte" vergeben.

Und hier konnte Lukas Fritz punkten. Nach dem Hauptschulabschluss hatte er zunächst eine Berufsfachschule besucht, dann eine Pflegeausbildung absolviert. Anschließend war er zweieinhalb Jahre lang als Krankenpfleger am Brüderkrankenhaus in Trier tätig. Dort wäre er auch geblieben, denn die Krankenpflege sei ein "wundervoller Beruf".

Harte Auswahlkritierien

Aber irgendwann hatte Fritz von der Möglichkeit gehört, auch ohne Abitur zu studieren. Beim Informationsgespräch an der Mainzer Gutenberg-Universität machte ihm die Beraterin Mut, und tatsächlich erhielt Fritz die Zulassung.

Grundsätzlich kommen bei der Vergabe der Studienplätze für Medizin harte Auswahlkriterien zum Einsatz: Das Studienfach ist so begehrt, dass für Abiturienten 2018 in fast allen Bundesländern ein Numerus Clausus von 1,0 galt, um ohne Wartesemester zugelassen zu werden. Lediglich in Niedersachsen und Schleswig-Holstein reichte auch bereits ein Notendurchschnitt von 1,1.

Aber es gibt auch andere Wege zum Arztberuf. Neben der Quote für beruflich Qualifizierte gibt es in Rheinland-Pfalz und einigen anderen Bundesländern bald ein Kontingent für künftige Landärzte. Manche Schulabgänger umgehen den Numerus Clausus auch, indem sie sich bei der Bundeswehr verpflichten.

Schwere Zeiten zum Studienauftakt

Die erste Zeit an der Fakultät wurde hart für Lukas Fritz: "Da ging es mir nicht gut, ich musste 16 Stunden am Tag ackern." Morgens Vorlesung, mittags Praktikum, abends Schreibtisch - für ein lustiges Studentenleben blieb da keine Zeit. Irgendwann sei die Menge an Lernstoff so groß gewesen, dass er sich gefragt habe, wie ein Mensch all diese Dinge wissen könne.

Bei Naturwissenschaften oder in Mathematik fehlten ihm weitgehend die Grundlagen. Um die Physik-Prüfung zu bestehen, musste er ein zusätzliches Semester in die Vorbereitung investieren. Und manche der Kommilitonen, die ebenfalls über eine vorangegangene Berufsausbildung an den Studienplatz gekommen waren, warfen ganz das Handtuch.

"Ich will im Ehrenamt etwas zurückgeben"

Aber im Vergleich zu den Einser-Abiturienten hatte Fritz auch einige Vorteile: Die gängigsten Erkrankungen und Diagnosemethoden kannte er schon aus dem Klinikalltag. Niemand musste ihm mehr erklären, wie man Laborwerte liest und ein Gespräch mit Patienten aufbaut: "Natürlich braucht man ein breites Fachwissen, aber man muss auch gut in Kommunikation sein, Empathie und Einfühlungsvermögen besitzen. Aber das kann einem kein Professor beibringen." Er ist sich inzwischen sicher, dass die Abiturnote keinen Einfluss darauf hat, ob jemand ein guter Arzt wird: "Jeder kann in den Sachen, die er gerne macht, richtig, richtig gut werden."

Kürzlich hat sich Lukas Fritz für das zweite Staatsexamen im kommenden Frühjahr angemeldet. Bis dahin schreibt er noch einige letzte Klausuren, lernt für die große Abschlussprüfung und hilft an freien Tagen wie eh und je ehrenamtlich beim Roten Kreuz im Ortsverein Saarburg. Für die vielfältige Unterstützung auf seinem Weg und die Möglichkeit, ohne Abitur studieren zu können, sei er sehr dankbar: "Ehrenamt ist eine Möglichkeit, etwas zurückzugeben."

Aus epd sozial Nr. 43 vom 25. Oktober 2019

Karsten Packeiser