Debatte über Suizidbeihilfe: Sterben braucht Zeit

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Gurdrun Hoppe (re.) und Hospiz-Leiterin Gabriele Kahl
Hannover, Karlsruhe (epd)

Seit einem Urteil des Bundesverfassungsgerichts vom Februar wird in Deutschland wieder vehement und kontrovers über die Suizidbeihilfe diskutiert - auch in den Kirchen. In den betroffenen Einrichtungen stößt die Debatte allerdings auf Skepsis.

Auf der Kommode vor dem Bett funkeln Ohrringe mit bunten Steinen und Halsketten. "Jeden Tag trage ich meinen Schmuck", sagt Gudrun Hoppe. Die zierliche Frau mit kahlem Kopf und blauen Glitzerohrringen setzt sich mit etwas Mühe auf einen Stuhl neben der gläsernen Terrassentür und blickt in den herbstlichen Garten. "Ich hätte nicht gedacht, dass ich es jemals wieder schaffe, mich auch nur aufrecht zu halten." Die 61-Jährige aus Hannover ist ins evangelische Uhlhorn-Hospiz gebracht worden, um zu sterben.

Doch es kam anders. Im Hospiz ging es Hoppe, die an Bauchspeicheldrüsenkrebs leidet, plötzlich besser. Das ist zwei Monate her. Sie hofft nun, entlassen zu werden. "Für Menschen, die schwer krank sind, kommt es oft anders als gedacht", sagt Hospiz-Leiterin Gabriele Kahl. Zwar seien die Krankheitsverläufe nicht immer so außergewöhnlich wie bei Gudrun Hoppe. "Aber je nachdem, wie sie sich fühlen, entscheiden sich unsere Patienten mehrmals um, was ihr Leben und ihre Therapie angeht." Mal sagten sie, sie möchten nicht mehr leben und sich auch nicht weiter behandeln lassen. Dann, wenn die Schmerzmittel wirkten, kämpften sie wieder um jeden Tag. "Das ist vollkommen normal", sagt Kahl. "Nur: Würden wir Sterbehilfe leisten, auf welchen dieser widersprüchlichen Wünsche sollten wir hören?"

Kontroverse Debatten dauern an

Das Thema Sterbehilfe wird seit Monaten wieder kontrovers diskutiert. Ausgangspunkt ist ein Urteil des Bundesverfassungsgerichts: Vor rund acht Monaten hat Karlsruhe das Verbot der geschäftsmäßigen Sterbehilfe aufgehoben. Selbst in den Kirchen ist das Für und Wider der Sterbehilfe seitdem Gegenstand intensiver Debatten. So hat sich unter anderem der evangelische Landesbischof Ralf Meister aus Hannover dafür ausgesprochen, den Sterbewunsch von Schwerkranken ernst zu nehmen und den assistierten Suizid unter bestimmten Bedingungen zu ermöglichen - auch in kirchlichen Einrichtungen.

Krebserkrankungen wie die von Gudrun Hoppe waren statistischen Erhebungen zufolge im Jahr 2018 nach Herz-Kreislauf-Krankheiten bundesweit die zweithäufigste Todesursache. Insgesamt sterben in Deutschland jedes Jahr rund 950.000 Menschen, 9.400 von ihnen begehen Suizid. Die Mehrheit der Deutschen stimmt Umfragen zufolge dem Recht auf ein selbstbestimmtes Sterben zu. Viele Palliativmediziner und Pflegende, die unheilbar erkrankte Menschen begleiten und behandeln, sehen diese Haltung indes kritisch.

Kritik am Gerichtsurteil

Zu den Kritikern gehört auch Anke Reichwald, Geschäftsführerin des Uhlhorn-Hospizes. Sie bemängelt, das Bundesverfassungsgericht habe aus rein theoretischer Sicht geurteilt. Dass jemand sich bewusst für den Tod entscheide, um seinem Leid ein Ende zu setzen, komme selten vor: "Wir erleben in der Praxis eher das Gegenteil." Schwerstkranke, sogar Hochbetagte, bettelten regelrecht um noch eine Chemotherapie oder Antibiotika-Behandlung. Dass sie angesichts ihrer Diagnose so reagierten, überrasche viele selbst. "Das sind Entscheidungen, die wir uns schlicht nicht vorstellen können, solange wir gesund sind", sagt Reichwald.

Auch der hannoversche Palliativmediziner Christian Seifert steht der Sterbehilfe ablehnend gegenüber. Seine Aufgabe sieht der 48-Jährige darin, seine Patienten so zu therapieren, dass sie nicht an den Punkt kommen, sich einen assistierten Suizid zu wünschen. Nur in sehr wenigen Einzelfällen sei eine ausreichende schmerz- und symptomlindernde Versorgung nicht möglich. In diesen Ausnahmefällen komme eine palliative Sedierung als letzte Möglichkeit in Betracht. Und auch wenn infolge dieser medizinisch herbeigeführten Bewusstlosigkeit die Patienten früher sterben, als dies ohne der Fall gewesen wäre, so sieht Seifert doch einen erheblichen Unterschied zu bewusster Sterbehilfe. "Unsere Intention als Palliativmediziner ist ausschließlich, Leid zu lindern."

Diese Überzeugung teilt Marion Pelzer. Die Palliativkrankenschwester beschreibt ihre Tätigkeit mit drei Worten: einlassen, aushalten, da sein. Seit mehr als drei Jahrzehnten pflegt sie Schwerstkranke und Sterbende, und seit acht Jahren arbeitet sie beim ambulanten Palliativdienst im evangelischen Friederikenstift in Hannover. Über die Sterbehilfe-Debatte sagt die 59-Jährige: "Ich bin erschrocken." Menschen, die unheilbar krank sind und am Ende ihres Lebens stehen, seien in existenzieller Not. "Sie sind verzweifelt, und es kann dazu kommen, dass sie den Wunsch äußern, sterben zu wollen." Das aber bedeute meist nicht, dass sie wirklich sterben wollten, sondern sei Ausdruck einer extremen Überforderung.

Gegen den Strudel der Verzweiflung

Diese Menschen bräuchten jemanden, der für sie da sei und sich nicht mit in den Strudel der Verzweiflung ziehen lasse. Pelzer befürchtet, dass sich Sterbende nicht trauen, ihrem Umfeld ihr Leid zuzumuten, wenn die Möglichkeit im Raum stehe, vorzeitig aus dem Leben scheiden zu können. "Dann müssten sie sich entscheiden, ob sie anstrengend sein dürfen", sagt sie. Den Sterbeprozess abzukürzen, sieht Pelzer auch deshalb kritisch, weil in dieser Phase oft Wichtiges geklärt werde. "Da kommt viel in Bewegung", sagt sie. Betroffene wollten sich verabschieden, aussprechen, versöhnen. "Das braucht Zeit."

Auch Gudrun Hoppe hat noch Pläne. Sie möchte unbedingt noch einmal mit ihrem Mann ans Meer, die Füße ins Wasser tauchen. Das Urteil aus Karlsruhe bezeichnet die gelernte Hauswirtschaftsleiterin als heikles Thema. Zu groß sei die Gefahr, dass die Regelung missbraucht werde. "Was, wenn einer in desolater Lage ist, und die anderen wollen ihn von der Platte putzen?", fragt sie flapsig. Sie selbst möchte auf keinen Fall Sterbehilfe. "Ich bitte den lieben Gott darum, dass er meine Aufenthaltsgenehmigung weiter verlängert."

Und wenn es dann doch wieder ans Sterben geht, möchte Hoppe ins Uhlhorn-Hospiz zurückkehren. Als sie ihr Zimmer dort das erste Mal gesehen habe, mit der Terrasse und der Aussicht ins Grüne, habe sie vor Glück heulen müssen. Selbst nachts ziehe sie die Vorhänge nicht zu. "Ich wache jeden Morgen wieder auf und freue mich, das alles noch zu sehen."

Aus epd sozial Nr. 41 vom 9. Oktober 2020

Cristina Marina, Julia Pennigsdorf