Begegnung durch den Bildschirm

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Ein neues Projekt ermöglicht Senioren den digitalen Kulturgenuss.

Zahlreiche digitale Kulturprojekte sind während der Corona-Pandemie entstanden. Doch nicht jeder kann sie nutzen: Ein Projekt soll Senioren Teilhabe über digitale Angebote ermöglichen - auch nach der Pandemie.

Als das Hessische Staatsorchester zu spielen beginnt, kommt Bewegung in die kleinen Video-Fenster. Die Zuschauer klatschen, wiegen sich im Takt, manche schließen die Augen und lächeln. Nach dem Konzert kommen sie mit den Musikern ins Gespräch. Digitale Veranstaltungen sind in Zeiten der Pandemie für viele Menschen beinahe zur Normalität geworden. Das gilt nicht für das heutige Publikum: „Es ist für uns alle ganz neu“, sagt Johanna Broos. Gemeinsam mit anderen Senioren nimmt sie von ihrem Wohnzimmer aus an einem Konzert teil.

Kultur erleben trotz Immobilität

Das digitale Konzert ist Teil des Projekts „Humak - Humanität durch Kultur für Senioren“ des gemeinnützigen „Humaq“-Instituts in Zusammenarbeit mit dem Evangelischen Verein für Innere Mission in Nassau (Evim). Die Macher wollen vor allem der Einsamkeit entgegenwirken und Teilhabe am kulturellen Leben ermöglichen. „Die Idee war nicht nur für die Pandemie-Zeit gedacht, obwohl es im vergangenen Jahr natürlich besonders offensichtlich war, dass viele Menschen gar keinen Zugang zu Kultur hatten“, sagt Dorothea Lemme vom „Humaq“-Institut, die das Projekt mitbegründet hat. Auch unabhängig von der Corona-Krise gebe es Senioren, die nicht mobil sind und dennoch Kultur erleben wollen.

Die erste Pilotphase fand von Mitte April bis Mitte Mai statt und richtete sich hauptsächlich an die Bewohner zweier Evim-Wohnanlagen in Wiesbaden. Die verschiedenen Konzerte und Lesungen waren deshalb extra auf Senioren zugeschnitten. „Nicht nur die Seniorinnen und Senioren, auch die Kulturschaffenden waren aufgeregt. Sie haben sich Programme für die Zielgruppe überlegt“, erklärt Lemme. Vor allem der gemeinsame Austausch stand im Vordergrund. „Unser Ziel war es immer, eine Form der Interaktion oder des Dialoges zu schaffen“, betont Lemme. Reine Berieselung gebe es auch im Fernsehen.

Mit dem Künstler im Gespräch

Diese Interaktion zeigte sich nicht nur in Fragerunden nach den Veranstaltungen, sondern beispielsweise in Form eines Wunschkonzerts. Über einen Fragebogen konnten die Senioren im Vorhinein selbst Lieder aussuchen. „Und auch während des Konzerts kamen sie ins Erzählen mit dem Künstler: Wieso haben sie sich diese Lieder gewünscht?“, sagt Lemme. „Im Endeffekt waren alle begeistert, wie gut die Interaktion über Zoom funktioniert hat.“

Überraschungen gab es auch beim Umgang mit der Technik. „Ich bin heute das erste Mal alleine am Laptop dabei“, berichtet Cato-Irmela Dietz nach dem Konzert des Hessischen Staatsorchesters. Johanna Broos hat die Veranstaltung bereits zum zweiten Mal ohne Hilfe besucht. Keine Selbstverständlichkeit, wie Peter Kiel, Leiter des Evim-Bereichs Service Wohnen für Senioren, erklärt. Zu Beginn sahen sich die Initiatoren nicht nur mit einigen technischen Hürden wie dem Internetzugang konfrontiert: „Wir haben schon gemerkt, dass ein Großteil noch nicht so technikaffin ist und viel Begleitung brauchte“, sagt Kiel.

Persönlicher Kontakt

Deshalb erhielten die Senioren bereits ab der ersten Veranstaltung Unterstützung von angehenden Digitallotsinnen des Vereins „Berufswege für Frauen“. „Auch in Zukunft wäre es natürlich sinnvoll, Partner vor Ort zu haben - zumindest für die, die Hilfe benötigen“, betont Lemme. Die Digitallotsinnen waren bei den Senioren nicht nur wegen ihrer Hilfestellungen willkommen: „Tatsächlich war es für viele der Teilnehmerinnen und Teilnehmer auch abseits der technischen Hilfe schön, in Pandemie-Zeiten jemanden bei sich zu haben.“

Genau dieser persönliche Kontakt soll durch digitale Formate nicht ersetzt werden, betont Kiel. „Die Seniorinnen und Senioren gehen ins betreue Wohnen, um Sozialkontakte zu haben. Wir wollen durch digitale Angebote eine Ergänzung schaffen.“ Denn besonders für Menschen, die nicht mobil sind, gebe es viele Vorteile. Um diese auch zu nutzen, müsse erst mal Interesse geweckt werden. „Da kann Kultur eine Brücke bauen und Motivation sein für die Zielgruppe, um vorhandene Hardware auch wirklich zu nutzen oder sich neu zuzulegen“, sagt Lemme.

Nicht auf Kulturangebote beschränkt

Die Erfahrungen aus dem Projekt möchte Kiel auch für die zukünftigen Bewohner der Wohnanlagen nutzen. „Jetzt kommen Generationen zu uns, die sich gerne vernetzen.“ Schon jetzt werde er von neuen Bewohnern nach einem W-LAN-Zugang gefragt: „Das gab es früher nicht.“

Dennoch muss nun zunächst die Weiterführung der Kulturreihe geklärt werden. Denn: In der Pilotphase wurde das Projekt vor allem durch Spenden oder über ehrenamtliche Mitarbeit finanziert. „Natürlich müssen wir uns ein Modell überlegen, das weitergeführt werden kann“, sagt Lemme. „Wir können uns beispielsweise etwas wie ein Kulturabo vorstellen, bei dem es einmal im Monat Veranstaltungen gibt. Das wäre auch ein Termin, an dem Angehörige und Seniorinnen und Senioren zusammen Zeit verbringen könnten.“

Was für die Initiatoren schon jetzt klar ist: „Wir möchten Menschen insgesamt - nicht nur Seniorinnen und Senioren, sondern auch Menschen mit Behinderungen oder psychischen Erkrankungen - zu mehr Teilhabe verhelfen“, sagt Lemme. Und: Es muss nicht bei Kultur bleiben. „Man könnte auch mal einen Gesprächspartner aus dem Fußball einladen, eine digitale Stadtführung durch Wiesbaden machen oder aktuelle politische Themen besprechen.“

Lynn Osselmann