Zwischenzeit. Putschversuch und Normalität in den USA

Die Fotos vom Aufruhr im US-Kapitol faszinierten. Ungehobelte Typen im Tempel der Demokratie. Männer mit roten Trump-Baseballmützen und Fahnen. Ein Foto ganz besonders: Der junge Mann mit Büffelhörnern (vermutlich aus Plastik) auf dem Kopf, Flagge und tätowiertem Oberkörper war allgegenwärtig auf den Bildschirmen und am Tag danach in den Zeitungen. Seine Aufmachung erschien etwas rätselhaft, doch der Anlass des gewalttätigen Ansturms war alles andere als rätselhaft: Die Akteure hatten sich zuvor in sozialen Medien über ihr Vorhaben ausgetauscht.

An diesem 6. Januar versammelten sich ein paar Hundert oder ein paar Tausend, die zur Gewalt bereit waren und ernst nahmen, was sie wochenlang in ihren Medien und von ihren Politikern gehört hatten: Die Präsidentschaftswahl am 3. November sei gestohlen worden; in Wirklichkeit habe Donald Trump gewonnen. Diese Botschaft hörte und sah man im Kabelsender Fox News, in den rechten Onlinemedien "Newsmax" (mit Trumps Ex-Pressesprecher Sean Spicer als Moderator) und "Breitbart", im One America News Network, in den sozialen Medien. Die Mehrheit republikanischer Politiker im Repräsentantenhaus war dieser Meinung - und natürlich Trump. Er sprach apokalyptisch, kurz bevor seine Anhänger Fenster einschlugen und Politiker und Reporter bedrohten: "Wir werden niemals aufgeben (...). Wenn ihr nicht wie die Hölle kämpft, haben wir kein Land mehr."

Noch Tage danach haben Kommentatoren Schwierigkeiten bei der Wortwahl, wenn sie die Randalierenden beschreiben. Der Begriff "Pro-Trump Protestierende" wurde oft verwendet. Fünf Personen sollen ums Leben gekommen sein. Ein Aufstand? CNN-Kommentator Jake Tapper äußerte auf Twitter, man sehe "einen blutlosen Coup in den Vereinigten Staaten". Bei NBC war die Rede von "Elementen eines Putschversuches". Mediale Einigkeit herrschte allerdings darüber, dass Amerika noch nie einen solchen Angriff auf die Demokratie erlebt habe. Fast überall wurde Trump als Anstifter verantwortlich gemacht.

Die Bilder kamen live in die Wohnstuben, auf die Handys und auf die Laptops. Etwa vier Stunden währte die Aktion. Protestkundgebungen in Washington sind nichts Neues: Häufig wollen gute Bürger Entscheidungen im Kongress beeinflussen. Die Eindringlinge im Kapitol wollten mehr - ihr Ziel war, mit allen Mitteln zu verhindern, dass der Kongress Joe Bidens Wahlsieg formell bestätigt.

Die merkwürdige Zwischenzeit bis zum Amtsantritt Bidens ist für die US-Medien weiter von den Aporien aus Trumps Amtszeit geprägt. Während sie schlecht aus dem Schema herauskommen, "beide Seiten" irgendwie ebenbürtig behandeln zu müssen, lebt die rechte bis rechtsextreme Strömung in einer alternativen Welt und hat kein besonderes Interesse an demokratischen Umgangsformen. Medienunternehmen fanden schon bei der Wahlberichterstattung häufig keine Wege, mit ständig wiederholten krassen Lügen umzugehen. Selbst beim Kritisieren wiederholt man die Lügen. Zu gut war das Schauspiel von Trumps Rechtsanwälten, als sie auf der Suche nach "Wahlbetrug" durch die Nation irrten.

Der Gag mit dem Hörnerkostüm sollte nicht ablenken: Die investigative Website "propublica.org" berichtete über bekannte Mitglieder von Hassgruppen, die im Kapitol identifiziert worden seien. Viele Kapitolstürmer waren weiße Männer, die um ihre Macht fürchten und die politische Niederlage nicht akzeptieren wollen. Ungewöhnlich ist so eine Haltung in den USA nicht, auch wenn sie jetzt drastisch im Allerheiligsten zum Ausdruck kam. Manche Teilnehmer hatten den Recherchen zufolge schon bei der rechtsextremen "White Power"-Kundgebung 2017 in Charlottesville in Virginia mitgemacht.

Aus epd medien 2/21 vom 15. Januar 2021

Konrad Ege