Zeit für ein Frühlingserwachen. Journalismus in der Corona-Krise

Was waren das für Frühlingstage! Wer in seiner Timeline in den März zurückscrollt, stößt auf mancherlei Zeugnis grenzenlos anmutender Begeisterung: über die Unternehmens-IT, die binnen Kürze das Arbeiten im Homeoffice ermöglicht hat, über die leistungsstarke Redaktion, die über sich hinauswächst, über Einschaltquoten der Nachrichtensendungen im Fernsehen und die Zugriffszahlen bei den Digitalangeboten von Zeitungsverlagen, deren Kurven steil nach oben zeigen.

Die Corona-Krise als Chance? Wer daran noch glaubt, sollte schnell aufwachen. Probleme, die die Branche über Jahre verdrängt hat, werden sich in der Ausnahmesituation nicht in Luft auflösen. Was sagt es aus, wenn jetzt Journalismus besonders nachgefragt ist? Wenn Redaktionen auch unter schwierigen Bedingungen Besonderes leisten? Nichts.

Für Pflegerinnen und Ärzte, für den selbstständigen Gastronomen und den freischaffenden Künstler war schon vor Corona der Alltag kein geregelter. Inzwischen arbeitet die Mehrzahl der Menschen in Deutschland im Krisenmodus, da sollten sich festangestellte Journalistinnen und Journalisten nicht so wichtig nehmen. Die von einigen so vehement behauptete Systemrelevanz der Medien ist Tag für Tag unter Beweis zu stellen. Guten Journalismus gibt es in dieser Zeit, und es bleibt unter anderem zu wünschen, dass langfristig mehr Wissenschaftsjournalisten in den Redaktionen ihren Platz haben. Aber es gibt auch weiterhin das verantwortungslose Clickbaiting, das mit der Neugier und den Ängsten der Menschen spielt.

Wer denkt, dass die Relevanzfrage für Journalismus nun beantwortet sei und auf Einschaltquoten, Klickzahlen und ein Plus bei Digitalabos verweist, der muss sich die Frage gefallen lassen: War Journalismus vor Corona nicht relevant? Dass viele Redaktionen die Lebenswirklichkeit der Menschen nicht erfassen, ist ein alter Befund der Medienwissenschaft. Er blieb zu lange folgenlos. Aus dem Homeoffice in der 120-Quadratmeter-Altbauwohnung im bürgerlichen Großstadtquartier lässt sich das Lebensgefühl der Rentnerin auf dem Land und des Arbeitslosen in der Kleinstadt schwerlich erfassen, aus dem Newsroom im Medienhaus aber auch nicht. Recherche vor Ort und im Gespräch mit den Menschen bleibt unerlässlich. Wer über eingeschränkte Fragemöglichkeiten bei Online-Pressekonferenzen klagt, übersieht das viel größere Problem, dass sich Journalismus zu oft einseitig an den Entscheidungsträgern und vermeintlichen Wissenden orientiert.

Bleibt die Frage nach dem Geld. Auch hier hilft Ehrlichkeit: Viele Verlage werden Ihre Sparkurse verschärfen, Redaktionen werden weiter schrumpfen, Titel verschwinden, Konzentration fortschreiten, und auch der Druck auf die öffentlich-rechtlichen Sender wird nicht nachlassen. Dass Medienhäuser das Mittel der Kurzarbeit nutzen, ist legitim, dient es doch dem Schutz der Beschäftigten. Doch wenn Redaktionen betroffen sind, sollten die journalistisch Verantwortlichen den Verlagsmanagern nicht das Feld überlassen. Gut begründete, zeitlich begrenzte Kurzarbeit darf nicht zur Blaupause für die nächsten redaktionellen Sparrunden werden. Es mag kurzfristig gerechtfertigt sein, eine Sportredaktion in Kurzarbeit zu schicken. Doch gerade jetzt ist es unerlässlich, den PR-Strategen vom IOC, vom DFB und von der FIFA nicht das Feld zu überlassen. Es besteht jetzt nicht nur die Gelegenheit, sondern die journalistische Pflicht, im Sportbusiness hinter die Kulissen zu blicken.

Wie Redaktionen heute arbeiten, im digitalen Miteinander, war noch vor zwei Monaten unvorstellbar. Aber warum soll es nicht möglich sein, sich auf Kerntugenden des Journalismus zu besinnen und aus den Routinen auszubrechen, die schon vor Corona als Irrwege erkannt wurden? Doch selbst wenn ein spätes Frühlingserwachen gelingt, wäre Jubel fehl am Platz.

Aus epd medien 17/20 vom 24. April 2020

Karsten Frerichs