Würgegriff des Totalnarrativs. Freiheit suchen in Corona-Zeiten

Das Leben ist endlich, dieser Text ist es auch. 3.800 Zeichen mit Leerzeichen. Leerzeichen sind keine Freizeichen, aber leer sind Leerzeichen auch nicht, denn in diesem Raum entsteht ein Brückensinn zwischen Zeichen. Gäbe es diesen Freiraum zwischen den Worten nicht, würde jeder Text ersticken. Atemschutzmasken tragen die Wörter noch nicht.

Sind wir nur einer Geschichte ausgeliefert, dann sind wir unfrei. Wir erleben gerade den existenziellen Würgegriff eines Totalnarrativs: Corona. Der Virologe tanzt durch alle Zeilen, Bilder und Träume. Die Stars der Stunde. Es gibt bereits Virologen-Hitparaden: Christian Drosten, der vertrauenswürdige Antidramatiker. Alexander Kekulé, der sinistre Dramatiker. Hendrik Streeck, der gut aussehende Karrierist. Lothar Wieler, der Besorgte mit der brüchigen Stimme. Melanie Brinkmann, die Frau mit dem elegischen Filmdiven-Appeal, oder Marylyn Addo, die beharrliche Optimistin.

Klar, das sind Abziehbilder, eine partiell blinde und unseriöse Typologie, aber doch nichts anderes als ein Freiheitsversuch, ein medialer Atemzug in der 3.800 Zeichen-Zelle. Schließlich müssen wir einander aushalten: Wir die Virologen, die Virologen uns. Wir müssen einander lesen lernen. Zöge sich ein populärer Virologe aus den Medien zurück, weil er sich missverstanden fühlte, wäre das eine Verantwortungsverweigerung. Zögen die Medien keine Schlüsse aus der Medienkritik einiger Virologen, wäre das Lernverweigerung. Die Öffentlichkeit braucht Vermittlungsversuche zwischen Wissenschaftssprachen und Alltagssprachen, zwischen Alltagsleben und Ausnahmezustand.

Der öffentlich-rechtliche Rundfunk gibt dabei nur punktuell ein gutes Bild ab. Es fehlt an gutem Wissenschaftsjournalismus, es fehlt an Plattformen, die multiperspektivische Fragestellungen aufwerfen. In den politischen Talkshows regiert der monothematische Ausnahmezustand, der zumeist sprechend reproduziert, aber nicht denkend durchbrochen wird. Dass das ZDF nun am Sonntagabend mit "Maybrit Illner Corona-Spezial"-Sendungen aufwartet, ist an Indolenz und intellektueller Trägheit kaum zu überbieten. Dialogische Kooperation wäre das Gebot der Stunde, stattdessen atavistische Konfrontation.

Es wäre fatal, wenn der öffentlich-rechtliche Rundfunk annehmen würde, die derzeit gestiegenen Zuspruchszahlen seien eine Totalbestätigung des Programms, seien eine Legitimationsurkunde für ein großes "Weiter so"! Jetzt wird schmerzlich spürbar, dass ARD und ZDF seit mehr als 30 Jahren an einer Entpolitisierung ihrer Programme gearbeitet haben und stattdessen zumeist seichtes Entertainment bevorzugen. Die strukturelle Innovationsverweigerung schmerzt jeden Tag in Augen und Kopf. Den Sendern sind die unformatierten Sinne abhandengekommen, es gibt kaum noch Alltagssonden, mit denen die Gesellschaft jenseits der Formelsprache erkundet wird. Natürlich soll es auch rote Rosen regnen, Blutlachen in Serie sind okay, und der Ball flog nie schöner als gerade jetzt, wo wir ihn vermissen, aber die monokulturelle Bewirtschaftung der Programme, die daraus folgende ästhetische Desensibilisierung und politische Hypoxie liefert den Zuschauer an das Immergleiche, ans Totalitäre aus.

Weil Menschen und Texte endlich sind, bleibt nicht mehr viel Zeichenzeit, noch 500 Zeichen. Wohin schreiben? Ins Offene. "Aspekte on tour" am 3. April, eine gute Sendung, wie wachgeküsst durch Straßenglanz und ohne Studioklotz am Bein. Kein Virologe weit und breit. Wer heute durch eine Stadt läuft, begegnet mitunter einsamen Spaziergängern, deren Augen stammeln. Man spürt, da lernt jemand lesen, da bildet jemand seinen tauben Wahrnehmungssinn aus. Die Fassaden sprechen plötzlich eine ganz andere Sprache, und die Flaneure, diese historisch toten Großstadtvögel, wittern Morgenluft. Lernt lesen! Augen auf!

Aus epd medien 15/16 vom 10. April 2020

Torsten Körner