Woodsteins Welt. Watergate-Nostalgie, 50 Jahre danach

epd „Watergate“ tut der journalistischen Seele gut in Zeiten von Fake News und Glaubwürdigkeitsproblemen. Zwei junge Reporter namens Carl Bernstein und Bob Woodward lösten 1972 eine Lawine aus - sie drängten US-Präsident Richard Nixon 1974 aus dem Weißen Haus. Seither wächst der Heldenmythos vom investigativen „Woodstein“, wie man das Duo nannte, als Drachentöter mit Schreibmaschine. Obwohl die Umstände komplizierter sind. Woodsteins Welt eine Welt ist von gestern.

Leser und Leserinnen der „Washington Post“ haben am 18. Juni 1972, einem Sonntag, von „Watergate“ erfahren. Fünf Männer seien nachts im Büro der Demokratischen Partei im Hotel- und Bürokomplex „Watergate“ festgenommen worden, sie hatten Einbrecherwerkzeug und Abhörwanzen dabei. Einer sei ein ehemaliger CIA-Mitarbeiter. Und los ging es: Die „Post“ und später auch andere Medien bissen sich fest an der Geschichte, Woodward und Bernstein blieben dran. Mit „Watergate“ meint man heute illegale Parteispenden, schmutzige Tricks, Justizbehinderung und Nixons geheimes Tonbandsystem - all das wurde bis zu Nixons Rücktritt aufgedeckt.

Die Intensität der Recherche, einschließlich unangemeldeter nächtlicher Besuche bei potenziellen Quellen, ist legendär. Woodward betont noch heute, wie wichtig Recherche sei, bei Watergate und bei seinen folgenden Bestsellern über George W. Bush und Donald Trump und überhaupt. Reporter sollten faktisch berichten und sich nicht als Gegenspieler der Politiker verstehen, findet der 79-Jährige.

„Washington Post“-Herausgeberin Katharine Graham hat Woodward und Bernstein damals den Rücken gestärkt. Das war mutig, denn Nixon war ein mächtiger und relativ beliebter Politiker, der fünf Monate nach dem Einbruch mit großer Mehrheit wiedergewählt wurde. Doch die 2001 verstorbene Graham wehrte sich immer gegen die Deutung, die „Post“ habe Nixon erledigt. „Das haben wir nicht getan und hätten wir auch nicht tun sollen“, sagte sie zum 25. Jahrestag. Die „Post“ und die anderen Medien hätten „die Geschichte am Leben gehalten in den Sommermonaten“, als das Weiße Haus vertuschen wollte.

Nixons Rücktritt ist dem Umstand zu verdanken, dass die Rechtsstaatlichkeit mit Kongressermittlungen und einer unabhängigen Justiz ihren Lauf nahm, dass die Republikaner Nixon fallen ließen und er selbst das Handtuch warf. Womit man beim Unterschied zu Donald Trump wäre: Reporterinnen und Reporter haben serienweise potenzielle Illegalitäten von Trump ans Tageslicht gebracht, doch die Partei hielt zum Präsidenten. Trump konnte sich außerdem auf eine zu Nixons Zeiten nicht existierende rechte Medienwelt mit „alternativen Fakten“ verlassen. Er dachte nicht an Rücktritt.

Die Tragweite von „Watergate“ war zunächst nicht absehbar. Graham erzählte einmal, sie sei am fraglichen Wochenende auf ihrer Farm in Virginia gewesen. Ein Redakteur habe sie angerufen und gesagt, es gebe zwei unglaubliche Geschichten. Ein PKW sei in ein Wohnzimmer gecrasht, als ein Paar dort Sex auf dem Sofa hatte. Und im Büro der Demokraten seien fünf Männer mit chirurgischen Handschuhen festgenommen worden.

Die Affäre ist bis heute vielfacher Film- und Serienstoff. Auf der Streamingplattform Starzplay ist im April die Serie „Gaslit“ angelaufen. Im Mittelpunkt steht Martha Mitchell (Julia Roberts), die Ehefrau von Nixons Wahlkampfmanager John Mitchell. Sie hörte häufig bei Gesprächen ihres Ehemannes mit und rief befreundete Reporter an. Die mächtigen Männer vermuteten, sie würde auch etwas zu Watergate ausplaudern, und sorgten dafür, dass Martha nicht ernst genommen wird - sie wurde für psychisch krank erklärt.

Aus epd medien 23/22 vom 10. Juni 2022

Konrad Ege