Wo der Ball rollt. Der Sport, die Frauen und das Fernsehen

Die Zahlen sind beeindruckend: Fast acht Millionen TV-Zuschauer haben das Ausscheiden der deutschen Fußballerinnen im WM-Viertelfinale verfolgt, das entspricht einem Marktanteil von mehr als 43 Prozent. Schon die Vorrundenspiele waren erfolgreich, und auch das Achtelfinale gegen Nigeria hatte mit knapp 6,5 Millionen Zuschauern (39,9 Prozent) beachtliche Werte. Die guten Quoten sind aber bloß ein Zwischenhoch, und das nicht nur, weil die Kickerinnen nach ihrer Niederlage wieder in der Versenkung verschwinden. Kameras sind in der Regel nur zur Stelle, wenn sie den Adler auf der Brust tragen.

Mit diesem Schicksal befinden sich die Fußballfrauen allerdings in guter Gesellschaft, wie eine von Maria und Elisabeth Furtwängler angeregte Untersuchung herausfand. Die bekannte Schauspielerin und ihre Tochter engagieren sich mit ihrer Stiftung MaLisa schon seit Jahren für die Gleichstellung von Männern und Frauen im Fernsehen. Auslöser war unter anderem die Kinoreihe "Die Tribute von Panem". Die erfolgreiche Trilogie hatte zur Folge, dass viele Mädchen der Heldin nacheifern wollten: Katniss Everdeen (Jennifer Lawrence) ist eine ausgezeichnete Bogenschützin, prompt wurde Bogenschießen in den USA innerhalb kurzer Zeit zu einer äußerst populären Sportart. Maria Furtwängler schloss daraus: Wenn Bilder eine derartige Wirkmacht haben können, muss das auch in umgekehrter Richtung gelten. Anders gesagt: Mädchen können Vorbildern nur dann nacheifern, wenn sie diese auch zu sehen bekommen.

Wissenschaftlerinnen der Universität Rostock haben im Auftrag der Stiftung 3.000 Stunden Fernsehsendungen analysiert und herausgefunden: Männer sind im deutschen Fernsehen unterm Strich insgesamt doppelt so oft vertreten wie Frauen. Vor über 40 Jahren ist eine ähnliche Untersuchung zu exakt dem gleichen Ergebnis gekommen, seither hat sich offenbar wenig geändert. Auf diese Weise, bemängeln die Autorinnen Elizabeth Prommer und Christine Linke in ihrem Buch "Ausgeblendet" (Herbert von Halem Verlag), werde von Kindesbeinen an ein bestimmtes Weltbild vermittelt: Die "Unsichtbarkeit von Mädchen" führe zu "eingeschränkten Vorstellungsräumen" der jungen Zuschauerinnen. Bei Heranwachsenden hätten Medien großen Einfluss auf ihr Bild von der Gesellschaft. Gerade Mädchen fänden jedoch nur wenige Vorbilder. Die Medien lieferten kein Spiegelbild der Gesellschaft, sondern produzierten und zementierten bestimmte Rollen- und Geschlechterbilder und trügen auf diese Weise dazu bei, dass auch in der Wirklichkeit "so wenig in Fragen der Geschlechtergerechtigkeit" passiere.

In keinem Programmgenre ist die Diskrepanz so offenkundig wie im Sport. Die Moderatorinnen Kathrin Müller-Hohenstein ("Das aktuelle Sportstudio") und Jessica Libbertz (Sky) müssen sich seit Jahren Häme im Netz gefallen lassen. Als ZDF-Reporterin Claudia Neumann bei der Fußball-Europameisterschaft 2016 in Frankreich als erste Frau ein Männerspiel kommentieren durfte, wurde in den sogenannten sozialen Medien massiv gegen sie gehetzt. Weil bei einer WM der Frauen jedoch andere Bedingungen gelten, saß für die ARD unter anderem Stephanie Baczyk am Mikro. Die Sportjournalistin vom RBB hat schon deshalb einen positiven Eindruck hinterlassen, weil sie anders als ihre männlichen Kollegen (allen voran Gerd Gottlob) nicht bei jeder Kleinigkeit aus dem Sattel geht.

Ähnlich wie die Fußballfrauen ist sie jedoch bereits wieder in die zweite Reihe zurückgekehrt. In die "Sportschau" am Samstag hat sie es bislang noch nicht geschafft. Wie schwer es Frauen haben, sich in Deutschlands ältester Sportsendung zu etablieren, zeigt die langjährige Suche nach einer Nachfolgerin für die 2009 ausgeschiedene Monica Lierhaus: Es hat acht Jahre gedauert, bis mit Jessy Wellmer 2017 endlich eine neue Moderatorin gefunden wurde.

Aus epd medien 27/19 vom 5. Juli 2019

Tilmann Gangloff