Wir sind uneins. Die ARD und das IRT

Nun ist es also beschlossen: Das renommierte Institut für Rundfunktechnik (IRT) wird Ende des Jahres aufgelöst. Monatelang hatten die Träger des Instituts - neben den neun ARD-Anstalten das ZDF, die Deutsche Welle, das Deutschlandradio, ORF und SRF - um eine Lösung gerungen, wie das Institut in München weitergeführt werden könnte, doch es kam keine Einigung zustande. Es sei nicht gelungen, "eine belastbare wirtschaftliche Zukunftsperspektive für das IRT zu erarbeiten", teilte das Institut selbst mit.

Damit wird Ende des Jahres ein Institut geschlossen, das - wie die ARD in ihrem "ABC der ARD" schreibt - dazu beiträgt, "die Rundfunktechnik in Europa voranzubringen. Die elektronische Zeitlupe für die 'Sportschau', Videotext, das Blue-Screen-Verfahren bei Nachrichtensendungen und wesentliche Teile der MPEG-Audiocodierung gehören zu den Meilensteinen in der Entwicklung des Forschungsinstituts." Ein Institut, also, das bei vielen wichtigen technologischen Entwicklungen für Rundfunk und Internet ganz vorne mit dabei war und dafür sogar mit dem amerikanischen Fernsehpreis Emmy geehrt wurde.

Den Anfang vom Ende läutete das ZDF ein, als es Ende 2019 ankündigte, dass es sich aus dem IRT zurückziehen werde. Die Begründung lautete, der Bedarf an dem rundfunkspezifischen Know-how des IRT sei gesunken. Auch der NDR teilte dem epd mit, der Sender sei "nach intensiven Überlegungen zu dem Ergebnis gekommen, dass wir - in Zeiten, in denen sich die Situation auf dem globalen Technikmarkt fundamental verändert - einen erheblichen Teil der Leistungen des Institutes zukünftig nicht mehr zwingend benötigen". Die Entwicklung gehe hin zu standardisierten IT-Diensten, und in diesem Markt gebe es sehr viel Know-how "auch außerhalb der eigenen Struktur".

Moment. Haben wir das richtig verstanden? Weil die Medien ins Internet wandern, gibt man ein Institut auf, das maßgeblich dazu beigetragen hat, dass es heute möglich ist, Audios und Videos im Internet zu streamen? Auch die Fachwelt wundert sich: Stephan Breide, Professor für Kommunikationsnetze und Multimedia an der Fachhochschule Südwestfalen, sagte der "Süddeutschen Zeitung": "Ich bin mir nicht sicher, ob alle Entscheidungsträger die Tragweite ihres Votums in letzter Konsequenz durchdrungen haben." Die Spezialisten des IRT vertreten Deutschland und die deutschen Sender in internationalen Gremien und bei Konferenzen wie der World Radio Communication Conference. Wer soll das in Zukunft übernehmen?

Das IRT hat einen bescheidenen Etat: Die 14 Gesellschafter trugen im vergangenen Jahr insgesamt 11,6 Millionen Euro zu den Gesamterträgen des Instituts bei, weitere fünf Millionen Euro erwirtschaftete das IRT selbst. In den Verhandlungen der vergangenen Wochen ging es um die 2,5 Millionen Euro, die bisher das ZDF trug. Sie hätten von anderen Gesellschaftern übernommen werden müssen. 2,5 Millionen Euro, das sind bei 5,7 Milliarden, die die ARD aus Rundfunkbeiträgen erhält, knapp 0,5 Promille. Hier mit dem Sparargument zu kommen, wie einige Sender es tun, ist nicht nur lachhaft, es ist geradezu fahrlässig. Wenn ARD und ZDF all die Expertise, die sie bisher vom IRT erhielten, künftig extern einkaufen müssen, könnte sie das sehr viel teurer zu stehen kommen. Ganz abgesehen von den Abhängigkeiten, in die man sich mit externen Dienstleistern begibt.

Der frühere NDR-Intendant Lutz Marmor warnte kurz vor seinem Abschied Ende Dezember 2019 davor, dass die Anstaltsegoismen in der ARD angesichts des Spardrucks überhandnehmen könnten. Dass es den Sendern beim IRT in den vergangenen Wochen nicht gelungen ist, zu einer Einigung zu kommen, zeugt davon, dass sie alles andere als "eins" sind, wie die ARD in ihren schönen Trailern behauptet. Das Aus für das Institut ist ein echter Schildbürgerstreich.

Aus epd medien 32/20 vom 14. August 2020

Diemut Roether