Wie rund darf der Tisch sein? Der "ARD-Dialogtag"

epd „Die Anstalten treffen Maßnahmen, um sich in einem kontinuierlichen Dialog mit der Bevölkerung, insbesondere über Qualität, Leistung und Fortentwicklung des Angebots, auszutauschen“: So steht es im neuen Medienstaatsvertrag, dessen Entwurf die Ministerpräsidenten vor kurzem unterschrieben haben und der nun seinen Weg durch die Länderparlamente geht. Was zahm klingt, könnte dennoch eine wichtige Neuerung sein: Forderungen nach mehr Beteiligung der Beitragszahlerinnen lassen sich so schwieriger mit der raschen Begründung zurückweisen, die Bevölkerung sei doch schon durch die Gremien ausreichend repräsentiert.

Wie also können die Öffentlich-Rechtlichen mit ihrem Publikum ins Gespräch kommen? Mit einem jährlichen „Zukunftsdialog“, für den die ARD im vergangenen Jahr einen Aufschlag gemacht hat? Mit institutionalisierter Publikumsbeteiligung, zum Beispiel durch „Rundfunkschöffen“, wie es der ZDF-Fernsehrat Leonhard Dobusch vorgeschlagen hat? Mit Publikumspanels, wie sie der NDR und das ZDF einrichten wollen?

Ein Beispiel für kleinere Gesprächsformate bot der „ARD-Dialogtag“ am 8. November: Zur ARD-Themenwoche „Wir gesucht. Was hält uns zusammen?“ öffneten die Anstalten vor allem digital ihre Türen, ob für ein Redaktionsgespräch im Hauptstadtstudio oder zur Themenkonferenz im WDR-Newsroom. Noch nicht dabei: ein „runder Tisch“, wie ihn der Noch-ARD-Chef Tom Buhrow gefordert hat.

Zu einer digitalen „ARD-Konferenz“ hatte am Abend der SWR geladen. Nur eine halbe Stunde verharrten SWR-Intendant Kai Gniffke, der im kommenden Jahr den ARD-Vorsitz übernehmen wird, und die von der Weltklimakonferenz zugeschaltete „Tagesthemen“-Moderatorin Aline Abboud, SWR-Redakteur Thomas Reutter und Moderatorin Fatma Mittler-Sokak im öffentlich-rechtlichen Selbstgespräch, eine ganze Stunde war den Wortmeldungen aus dem Publikum gewidmet.

Dessen vorgebrachte Wünsche waren divers: weniger aufdringliche Musik in Tierfilmen, auch die Zielgruppe der über 60-Jährigen, für die das lineare Fernsehen doch angeblich da ist, fühlt sich dort nicht abgeholt. Warum ist die ARD so viel auf „hyperkapitalistischen“ Drittplattformen wie Instagram unterwegs und kaum im Fediverse? Und warum musste der - wenn auch freundliche - AfD-Wähler im zur ARD-Themenwoche zählenden „Experiment am Berg“, einem Reality-Format, ausgerechnet ein Ostdeutscher sein?

Ein Zuschauer forderte, den öffentlich-rechtlichen Rundfunk zum Bürgerfunk zu machen. Seine Bitte nach mehr User Generated Content hatte er vor dem Start der Veranstaltung damit untermalt, dass er die eingespielte Warteschleifenmusik auf seiner Gitarre nachahmte. An Ideen für die Zukunft der Öffentlich-Rechtlichen jedenfalls mangelte es nicht, auch wenn im Kleinen zutraf, was Tom Buhrow im Hamburger Übersee-Club mit Blick auf Lobbyisten, Gewerkschaften, Interessenverbände, Landesregierungen und Sender diagnostiziert hat: Viele zogen einen Zaun um das, was für sie selbst wichtig ist.

Aber vielleicht liegt darin auch eine Stärke von Öffentlich-Rechtlichen, die für die ganze Gesellschaft da sein sollen. Diverse Publikumsinteressen nicht nur zu messen, sondern auch zusammenzubringen und ihnen zu entsprechen, wird eine der großen Herausforderungen des neuen Dialogs mit dem Publikum sein. Oder, wie es Jan Böhmermann im „ZDF Magazin Royale“ sagte: Das Publikum „bitte nicht nur abholen, sondern auch fucking irgendwo hinbringen“. Schade nur, dass die ARD keines der Formate des „Dialogtags“ größer aufgezogen und zum Beispiel die „ARD-Konferenz“ als Live-Townhall in die Mediathek gebracht hat. Möglicherweise wäre das auch eine gute Bühne für eine Tabus brechende Grundsatzrede zur Zukunft der Öffentlich-Rechtlichen gewesen.

Aus epd medien 45/22 vom 11. November 2022

Dominik Speck