epd „Wie machen Sie das, Herr Graf?“, fragte epd film 2014, als der Film „Die geliebten Schwestern“ von Dominik Graf ins Kino kam. Mit „Geliebte Schwestern“ bewies Graf, er kann nicht nur Genre, er ist nicht nur einer der originellsten Krimiregisseure des deutschen Fernsehens, nein, er kann auch Historienfilm, und er kann von der Liebe des Schriftstellers Friedrich Schiller zu den Schwestern Caroline und Charlotte von Lengefeld erzählen, ohne in Kitsch abzugleiten und ohne auf dem glatten Parkett des Kostümfilms auszurutschen.

Wie macht er das? Es sind oft kleine Szenen, die seine Filme auszeichnen und den Regisseur kenntlich machen. Szenen wie die, mit der der „Tatort: Aus der Tiefe der Zeit“ (BR, 2013) beginnt. Da kurvt Kommissar Franz Leitmayr (Udo Wachtveitl) mit seinem Auto durch München, eine Stadt, die durch Baustellen und Einbahnstraßen zu einem Labyrinth geworden ist, in dem sich selbst Leitmayr, der eingeborene Münchner, nicht mehr zurechtfindet. In wenigen Minuten erzählt Graf hier einen ganzen Essay über Immobilienspekulation, Gentrifizierung und Heimatverlust - andere würden daraus einen 90-minütigen Film machen. Bei Graf ist es eine Skizze, eine Exposition für die Geschichte, die dieser „Tatort“ erzählt, in dem es natürlich auch um Immobilienspekulation geht.

Oder da ist Iris Berben im Film „Hanne“. Hanne ist gerade in den Ruhestand getreten, da erhält sie eine beunruhigende Diagnose. Ein Wochenende lang muss sie auf den genauen Befund warten, ein Wochenende zwischen Bangen und Hoffen, ein Wochenende, an dem sie versucht, das Leben neu zu entdecken. Irgendwann sehen wir Hanne, wie sie in einem leuchtend roten Mantel über verregnete matschige Felder stapft. Die Bilder sind eine dezente Hommage des großen Nicolas-Roeg-Verehrers Dominik Graf an diesen Regisseur und seinen Film „Wenn die Gondeln Trauer tragen“.

Man muss schon genau hinschauen, um solche Szenen, solche Geschichten in Grafs Filmen nicht zu verpassen, denn kein anderer Fernsehregisseur erzählt so viele Geschichten parallel auf der Ton- und Filmebene. Graf weist nicht darauf hin, er zeigt nicht: Das ist wichtig. Er erzählt vieles, auch wichtiges, wie nebenbei. Das ist natürlich eine Überforderung des Zuschauers, zumal im deutschen Fernsehen, wo die meisten Geschichten mehrfach und überdeutlich in Ton und Bild erzählt werden. Doch Graf schafft es immer wieder, seine eigenen, vieldeutigen Geschichten einzuschmuggeln. Ihm geht es um Ambivalenzen, nicht darum, „moralisch von Anfang an auf der richtigen Seite zu stehen“.

Vor zwölf Jahren hat Graf dem deutschen Fernsehen die einzigartige Serie „Im Angesicht des Verbrechens“ abgerungen. Die ARD hat damals viel Geld für die Produktion ausgegeben, doch die Programmdirektion verließ bei der Ausstrahlung bald der Mut, als sie sah, dass die Serie nicht die gewünschten Quoten brachte. Die letzten Folgen wurden spät in der Nacht versendet - angeblich aus Gründen des Jugendmedienschutzes. Zurzeit steht die Serie wieder in der Mediathek - vielleicht eine Hommage zu Grafs 70. Geburtstag am 6. September.

Noch vor der Ausstrahlung der Serie hatte Graf gesagt, die Quote interessiere ihn nicht, diese Zahlen seien „ein Sandkastenspiel für Erwachsene“. Nichts für Leute, „die der Welt interessante Dinge erzählen wollen“. Denn, so sagte er damals: „Ein guter Film bleibt für immer ein guter Film und ein schlechter Film bleibt für immer ein schlechter Film, selbst wenn er ein Event war und acht Millionen Zuschauer hatte. Fernsehen ist kein Tagesgeschäft, es ist bleibende Kultur-Herstellung wie alle Kunst.“

Wer wissen will, wie Graf das gemacht hat, hat noch bis zum 7. November die Chance, „Im Angesicht des Verbrechens“ in der ARD-Mediathek anzuschauen. Die Serie ist immer noch gutes Fernsehen.

Aus epd medien 35/22 vom 2. September 2022

Diemut Roether