Westfernsehen? Die Stimmen aus dem Osten werden lauter

Westfernsehen? Was war das noch mal? Ostler erinnern sich: Das waren jene Sender jenseits der Grenze, die fast alle in der DDR so gern guckten. Tempi passati: Jüngst wendete Sachsen-Anhalts Ministerpräsident Reiner Haseloff die nostalgische Vokabel ins Negative, als er im Zusammenhang mit dem Gebührenstreit die Berichterstattung der Öffentlich-Rechtlichen über die ostdeutschen Bundesländer scharf kritisierte: ARD und ZDF seien "in vielen Sparten Westfernsehen geblieben", sagte er.

Man fragt sich, was Haseloff so guckt, wenn er mal guckt. Den MDR, der bekanntlich zur ARD gehört, kann er mit seiner Kritik jedenfalls nicht gemeint haben. Hier schunkelt man noch immer beim "Musikantenkaiser", lässt frühere ostdeutsche Stars der Unterhaltungsbranche im "Kessel Buntes" rotieren, recycelt im Akkord verstaubte Serien des DDR-Fernsehens oder streichelt die geschundene ostdeutsche Seele mit gefühligen Heimatreportagen. Ob damit einem Ost-West-Diskurs gedient ist, darf bezweifelt werden.

Aber hat Haseloff so unrecht? Es ist ja tatsächlich so, dass in den östlichen Bundesländern die Chefetagen auch der Medien noch immer mehrheitlich mit westsozialisierten Menschen besetzt sind. Und immer noch schauen manche (mithin: zu viele) Reporter wie auf ein fremdes Land, wobei die Grenzen zwischen DDR und "dem Osten" der Gegenwart oft genug verschwimmen.

Noch vor 20 Jahren hätte ich Haseloff sofort zugestimmt. Damals pendelte das mediale Bild des Ostens zwischen Stacheldraht-Diktatur (alles Stasi außer Mutti) und putzig-exotischem Land mit seltsamen Wörtern, Gebräuchen, Alltagskulturen. Auf der einen Seite standen immerfort Heino Ferch und Veronica Ferres tragisch an der Mauer rum, über der anderen Szenerie schwebte allgegenwärtig Achim Mentzel, die "singende Spreewaldgurke". Dazwischen gab es wenig Grautöne und Nuancen, politische Kommentatoren fabrizierten Sätze wie "Wenn im Osten die Uhren anders ticken, ticken sie eben falsch" - womit die Wahlerfolge der damaligen PDS gemeint waren. Allzu oft verband sich der westliche Blick auf das "Beitrittsgebiet" mit der Erwartung, dass die eher unerbetenen Neuen keinen Ärger machen und sich gefälligst anpassen.

Dokumentarfilmer, Regisseure, Autoren aus dem Osten hatten es in den ersten Jahren nach der Wende schwer, sich mit ihren Themen und kritischen Stimmen durchzusetzen. Das sah man natürlich auch den Öffentlich-Rechtlichen an. Blühende Landschaften wurden noch beschworen, als es längst einen wahren Exodus von Ostdeutschen gab und im Osten die deindustrialisierten Städte und Regionen dramatisch schrumpften.

Doch das Bild hat sich geändert. Am ehesten gelang das, wen wundert's, im RBB, wo Ost und West täglich miteinander zu tun hatten. Aber auch im Ersten und beim ZDF, bei 3sat, Arte und den Dritten sah und hörte man nun immer öfter Handschriften und Stimmen aus dem Osten. Aus den letzten fünf Jahren erinnere ich mich an zahlreiche Reportagen, Dokumentationen und Spielfilme, die kenntnisreich, differenziert, auch kritisch von ostdeutschen Erfahrungen, Themen und Biografien berichteten. Man könnte also Herrn Haseloff einfach mal eine Empfehlungsliste aus den Mediatheken zukommen lassen.

Auch die Forderung nach Reformen bei den Öffentlich-Rechtlichen ist berechtigt: Zum Beispiel sollte mehr in Recherche, Dokumentationen und Reportagen aus dem Osten und den östlichen Nachbarländern investiert werden. Bliebe da nicht das leise Unbehagen, dass bei Haseloff noch etwas anderes mitschwang: Dass doch bitte weniger über so Hässliches wie den Rechtsdrift in der Gesellschaft (nicht nur ein ostdeutsches Problem, dort aber besonders massiv) und über ein ungutes Gebräu aus Opferpose, Stammtischparolen und Trotz berichtet werden soll, sondern lieber über das "Schöne". Aber dafür gibt es ja den MDR.

Aus epd medien 3/21 vom 22. Januar 2021

Ulrike Steglich