Wer nicht fragt, bleibt dumm. "Sesame Street" wird 50

Wie sich die Zeiten ändern. Wenn sich heutige Großmütter allzu lange mit einem Buch hinterm Ofen verkrochen haben, hieß es: "Kind, geh’ doch mal an die frische Luft! Zu viel lesen ist nicht gut für die Augen!" Später galt die gleiche Skepsis dem Fernsehen. Bewegte Bilder waren ohnehin Teufelszeug, weshalb das Kino für Kinder unter sechs Jahren bis in die 60er Jahre tabu war. Niemand wäre damals auf die Idee gekommen, im Fernsehen ein Vorschulprogramm anzubieten. Deshalb war die am 10. November 1969 in den USA gestartete "Sesame Street" doppelt revolutionär: Die Reihe richtete sich an Vorschulkinder und sie nutzte Methoden der Werbung, um Wissen zu vermitteln.

Kein Wunder, dass deutsche Pädagogen schockiert waren. Der BR wehrte sich vehement gegen den Import und fand beim Bayerischen Lehrerverband kräftige Unterstützung. Aus heutiger Sicht mutet das absurd an, schließlich sind seither ganze Generationen mit Ernie, Bert, Grobi und dem Krümelmonster aufgewachsen. Wer einst in jungen Jahren die ersten Folgen von "Sesamstraße" gesehen hat, nähert sich jetzt langsam dem Rentenalter.

Die Klappmaulpuppen sind bis heute beliebt. 1971 liefen die ersten Folgen in den Dritten Programmen, bei NDR und WDR, noch im Original. Auch die synchronisierten Versionen waren ab Sommer 1973 nur außerhalb Bayerns zu sehen. Später gab es die ersten deutschen Beiträge in Form von Spielszenen, für die im Lauf der Zeit viele bekannte Schauspieler gewonnen werden konnten: Das Spektrum reicht von Liselotte Pulver und Manfred Krug über Dirk Bach bis zu Annette Frier und Adele Neuhauser.

Deutsche Kinder waren die ersten außerhalb der USA, die Freundschaft mit den Puppen schließen durften. Das war der Beginn eines unvergleichlichen Exporterfolgs, heute läuft "Sesame Street" in mehr als 140 Ländern. Die vom NDR verantwortete deutsche Version unterscheidet sich allerdings deutlich von den sonstigen Adaptionen. Während die Macher der gemeinnützigen New Yorker Produktionsfirma Sesame Workshop (früher Children's Television Workshop, CTW) vielerorts großen Einfluss auf die Anpassung an die jeweiligen einheimischen Vorlieben nehmen, hat sich die ARD früh vom insgesamt doch etwas braven und penibel auf politische Korrektheit bedachten Original emanzipiert.

Weil sich die deutsche "Sesamstraße" außerdem an etwas ältere Kinder richtet, können die Eigenproduktionen frecher und witziger sein. Der Humor ist die größte Stärke von "Sesame Street". Die Alltagsgeschichten mit Ernie und Bert treffen den richtigen Tonfall - was bei Kindern im Vorschulalter nicht einfach ist.

Der CTW ist 1968 gegründet worden, um Kindern, die in einer strukturell benachteiligten Umgebung aufwachsen, zu mehr Chancengleichheit zu verhelfen. Aus der Erkenntnis, dass die entscheidenden Weichen schon vor dem ersten Schultag gestellt werden, resultierte der Entschluss, ein unterhaltsames Vorschulformat mit Bildungsauftrag zu entwickeln. Das Format basiert auf der Erkenntnis, dass Kinder die Melodien von Werbespots besser behielten als den Inhalt des eigentlichen TV-Programms. Also hatte man beim CTW die Idee, auf ähnliche Weise Wissen zu vermitteln. In den Anfangsjahren ging es vor allem um Buchstaben und Zahlen, seit den 80ern steht das soziale Lernen im Vordergrund.

Im deutschen Vorschulfernsehen funktioniert Wissensvermittlung schon geraume Zeit sehr spielerisch und weniger didaktisch, bestes Beispiel ist "Die Sendung mit der Maus" des WDR. Lernerfolge stellen sich erfahrungsgemäß aber erst ein, wenn Eltern und Kinder gemeinsam schauen. Davon abgesehen lernen Kinder von den Menschen in ihrer Umgebung viel mehr als vom Fernsehen.

Aus epd medien 45/19 vom 8. November 2019

Tilmann Gangloff