Wer fühlen will, muss hören. "37 Grad" wird 25 Jahre alt

Eigentlich ist "37 Grad" eine tolle Sache. Woche für Woche widmet sich das ZDF nun schon seit 25 Jahren all jenen, die mühselig und beladen sind. Die Filme erzählen Geschichten "mitten aus der Gesellschaft" und geben "Einblicke in Lebenswelten und Seelenzustände, Schicksalsschläge und Glücksmomente", wie es im Jubiläumspresseheft zutreffend heißt. Das Spektrum ist grenzenlos.

Die Beiträge folgen jedoch diversen Vorgaben, die offenbar in Stein gemeißelt sind. Es müssen stets drei Menschen sein, die ein vergleichbares Schicksal teilen. Wegen der drei Handlungsstränge entsprechen die Filme mitunter dem Muster von Doku-Soaps, weil der Kommentar versucht, eine Art Gleichzeitigkeit zu suggerieren. Die akustische Ebene ist ein weiteres Manko: Die Filme sind viel zu oft von vorn bis hinten zugeredet. Damit ließe sich vermutlich leben, wenn der Text für Erkenntnisgewinn sorgen würde. Tatsächlich üben die Autoren jedoch in gewisser Weise Verrat an ihren Protagonisten: Sie wollen ihnen eine Stimme geben, nehmen sie ihnen aber gleich wieder weg, obwohl es im Kommentar ständig um Dinge geht, die die Leute wunderbar selbst erzählen könnten.

Zum Jubiläum zeigt das ZDF eine dreiteilige Reihe, die unter dem Motto "Was uns bewegt" steht. Zum Auftakt am 8. Oktober geht es um Menschen, die ihren Lebensabend auf einem Bauernhof verbringen. Sibylle Smolka stellt einen sehr erstrebenswerten Entwurf für ein selbstbestimmtes Altwerden vor, begeht jedoch die typischen Fehler der Reihe: Immer wieder nimmt sie den Protagonisten das Wort aus dem Mund. Die alten Herrschaften mögen körperlich nicht mehr auf der Höhe sein, aber an geistiger Frische mangelt es ihnen offenkundig nicht. Es muss also andere Gründe haben, dass die Autorin ihnen dauernd in den Kopf guckt und ihre Hoffnungen und Sorgen beschreibt.

Weil die Bilder bei "37 Grad" nicht für sich stehen dürfen, vergibt der Film zudem eine große Chance: Der alte Erwin braust gern mit seinem Mofa durch die Gegend. Die Szenen sprechen mit ihrem Hauch von Freiheit und Abenteuer für sich, trotzdem werden sie erklärt. Dabei schreibt Peter Arens, Leiter der ZDF-Hauptredaktion Geschichte und Wissenschaft, zum Jubiläum: "Wir müssen die Menschen erzählen lassen."

Zur redaktionellen Vorgabe dürfte auch die Vermittlung von Emotionen gehören. Früher, als Schläge noch allseits akzeptierte Erziehungsmaßnahmen waren, sagten Eltern gern: "Wer nicht hören will, muss fühlen." Bei "37 Grad" ist es quasi andersrum: Wer fühlen will, muss hören. Die Filmemacher stellen sich ihr Publikum anscheinend recht unmündig vor - anders ist nicht zu erklären, dass im Kommentar regelmäßig auch die Gefühle vorgegeben werden. Wie in Spielfilmen liegt unter den Bildern sicherheitshalber eine passende Musik, die die jeweiligen Emotionen vertieft.

All das ist schade und auch überflüssig, denn "37 Grad", eine der erfolgreichsten Reportagereihen im deutschen Fernsehen, ist ein Sendeplatz, auf dem viel mehr möglich wäre. Die Chancen werden zu selten genutzt. Die Reihe wird zwar nach wie vor regelmäßig ausgezeichnet, doch die besondere Qualität der Anfangsjahre, als beispielsweise Hartmut Schoen für seinen am 1. November 1994 ausgestrahlten Auftaktfilm "Jenseits der Schattengrenze" über einen Vietnam-Veteranen prompt den Grimme-Preis bekam, haben die Beiträge schon lange nicht mehr. Das ist nicht zuletzt eine Frage der individuellen Handschrift, die auf diesem Sendeplatz wohl nicht erwünscht ist. ARD und ZDF sind in den letzten 20 Jahren im Dokumentationsbereich immer stärker zum Redakteursfernsehen geworden, die Zeit der Autorenfilme ist bis auf wenige Ausnahmen vorbei.

Aus epd medien 40/19 vom 4. Oktober 2019