Wenn die Zeit nicht reicht. Das Ende der Netflix-Serie "Dark"

Hand in Hand stehen sie da und lösen sich in glitzernde Partikel auf. Dass diese Szene recht verkitscht daherkommt, fällt gar nicht auf angesichts des zuvor schon hochemotionalen Finales der Netflix-Serie "Dark". Jonas und die "andere Martha" haben es geschafft, den Zeitknoten zu lösen - und hören am Ende auf zu existieren. Über 26 Episoden in drei Staffeln haben die beiden Serienmacher Jantje Friese und Baran bo Odar die Zuschauer durch ihr Multiversum gelockt, bestehend einer Ursprungswelt und gleich zwei Parallelwelten, verbunden durch Zeitschleifen zu einer Triquetua, einem unendlichen Knoten. Das letzte Stück der Reise durch die Zeit funktioniert vor allem auf der Gefühlsebene. Dass die beiden Protagonisten - Liebende und Antagonisten zugleich - am Ende die eigene Auslöschung in Kauf nehmen, ist emotional nachvollziehbar. Wer das Ende von "Dark" jedoch auch logisch begreifen will, ist verloren.

David Lynch hat vorgemacht, wie logische Brüche funktionieren, wie sie ganz ohne Erläuterungen einen weiten Interpretationsspielraum öffnen - zuletzt nachzuvollziehen anhand seines Netflix-Kurzfilms "What Did Jack Do?". Doch "Dark" erklärt an zahlreichen Stellen zu minutiös das Geschehen, als dass logische Dissonanzen im Lynch'schen Sinne überzeugen könnten. Stattdessen lassen sie den Zuschauer ratlos zurück.

Als Jonas sich mit dem Strick das Leben nehmen will, erscheint plötzlich der junge Noah in der Tür und erklärt, dass es nicht möglich sei, dass Jonas stirbt - weil dessen älteres Ich bereits existiert. Später wird der junge Jonas schließlich doch getötet, von der "anderen Martha" aus der Parallelwelt. Handelt es sich um eine Form der "Quantenverschränkung", über deren Prinzip der Uhrenmacher und Wissenschaftler H.G. Tannhaus in einer Episode einen Vortrag am Beispiel von "Schrödingers Katze" hält?

Bei aller Komplexität und Kleinteiligkeit bleiben einige Aspekte bis hin zu ganzen Erzählsträngen der Serie unvollendet. So verharren die mannigfaltigen christlichen Symboliken auf dem Status von Andeutungen. Jonas und die "andere Martha" nennen sich im Alter Adam und Eva und sind immer wieder vor überlebensgroßen Gemälden der biblischen Figuren zu sehen. Einen biblischen Namen trägt auch Noah, der mysteriöse zugereiste Pfarrer, der in der ersten Staffel noch als veritabler Antichrist daherkommt, wobei er am Ende doch nur ein verzweifelter Vater auf der Suche nach der verlorenen Tochter ist. Der seltsame Unbekannte mit der Hasenscharte schließlich tritt meist zu dritt als eine Art Dreifaltigkeit auf, bei der sein kindliches, erwachsenes und altes Ich gleichzeitig existieren.

Der Unbekannte ist zugleich eine der größten Schwächen der Serie. Er ist der Ursprung des Stammbaums von Winden, wird aber erst in der dritten Staffel eingeführt und bleibt am Ende rätselhaft. Scheinbar wahllos mordend reist er durch Zeiten und Welten. Der Unbekannte ist auch der zentrale Grund, warum Eva alles daransetzt, dass die Zeitschleife aufrecht erhalten wird und alles stets so passiert, wie es schon immer geschehen ist. Sie tut dies zuvorderst aus Mutterliebe - mehr soll an dieser Stelle nicht verraten werden. Dieses tiefe Band erschließt sich dem Zuschauer jedoch schon deshalb nicht, weil über die Vergangenheit des Unbekannten schlicht nichts bekannt ist, auch nicht, beim wem und unter welchen Umständen er aufgewachsen ist.

Laut Friese und Odar stand das Konzept für die drei "Dark"-Staffeln als Trilogie von Beginn an fest. Zum Schluss wirkt es leider so, als hätte am Ende des unendlichen Knotens ausgerechnet die Zeit nicht gereicht, den wesentlichen Teil der Geschichte des Stammbaums von Winden auszuerzählen. Letztlich behält das in der Serie bemühte Zitat Isaac Newtons hier seine Gültigkeit: "Was wir wissen ist ein Tropfen, was wir nicht wissen, ein Ozean."

Aus epd medien 29/20 vom 17. Juli 2020

Ellen Nebel