Weniger Raum für Gegenkultur. Arte streicht das Magazin "Tracks"

epd Arte ist 30 Jahre alt geworden, und als der deutsch-französische Kultursender seine Bilanz zum „erfolgreichen“ Jubiläumsjahr 2022 veröffentlichte, hob er auch sein „breites Musikangebot“ hervor. Gemeint sind die zahlreichen Übertragungen und Aufzeichnungen von Konzerten aller Musikrichtungen zwischen Pop und Oper. Bisher hat Arte Musik aber nicht nur präsentiert, sondern auch regelmäßig journalistisch begleitet. Unter anderem dafür stand das Popkultur-Magazin „Tracks“ - das nun nach 25 Jahren eingestellt wird.

Die französische Tageszeitung „Libération“ berichtete darüber Anfang des Jahres unter der Überschrift „Das Ende von Tracks. Die Ränder im Schatten“. Die Sendung sei „ein außergewöhnlicher Nährboden für kulturelle Besonderheiten“ gewesen, schrieb die Zeitung in dem zwei Seiten langen Text. Dass eine führende deutsche Tageszeitung dem Ende eines Kulturmagazins im Fernsehen so viel Platz einräumen könnte, ist schwer vorstellbar.

Ende Dezember hatten sich bereits Mitarbeitende der Firma Program33, die die französischen „Tracks“-Folgen produzierte, beim Medienkritik-Portal „Arrêt sur images“ zur Einstellung der Sendung geäußert. Demnach hatte Arte France der Produktionsfirma im Oktober mitgeteilt, dass ihr Vertrag nicht erneuert werde. Im Dezember musste das Unternehmen daher elf Mitarbeiter entlassen.

Der Regisseur Gianni Collot, der zeitweise für die Sendung gearbeitet hatte, reagierte bestürzt auf die Entwicklung: „Die neuen Künstler von heute, wer wird darüber sprechen? (…) Der kleine Raum, den Kunst und Gegenkultur hatten, ist tot.“ Andere Betroffene kritisierten bei „Arrêt sur images“ die Umstände der Einstellung. David Combe, einer der beiden „Tracks“-Redaktionsleiter, bemerkte, Arte France habe diese gegenüber dem Program33-Team nicht begründet. Sein Kollege Jean-Marc Barbieux kritisierte: „Man hat uns aufgefordert, nicht zu kommunizieren. Arte hatte Angst vor einem Shitstorm.“

Die letzte von Program33 produzierte Folge läuft im Februar, sie ist aber jetzt bereits bei YouTube zu sehen. Die Macher hatten am Ende einen Abschiedsgruß platziert, mit dem sie sich beim Publikum für „25 Jahre Glück“ bedanken („25 ans de bonheur merci aux Tracksiens et Tracksiennes“). Aus der online abrufbaren Version ist die Dankesbotschaft allerdings verschwunden.

Wolfgang Bergmann, Arte-Koordinator des ZDF und zuständig für die deutschen „Tracks“-Zulieferungen, betont im Gespräch mit dem epd, dass bei Arte am Freitagabend weiterhin „Tracks East“ zu sehen sein werde. Diesen reportageartigen „Tracks“-Ableger hatte die Arte-Redaktion im ZDF mit der Berliner Produktionsfirma Kobalt nach dem russischen Angriff auf die Ukraine entwickelt. Seit Anfang Juni erzählen hier Journalistinnen und Journalisten sowie Kulturschaffende aus Osteuropa, wie sich ihr Leben und ihre Arbeit durch den Krieg verändert haben. Von „Tracks East“, 2022 für den Deutschen Fernsehpreis nominiert, sollen in den kommenden Monaten 30 neue Folgen produziert werden.

„Tracks East“ habe für einen „erheblichen Zuwachs an Relevanz“ für die Marke „Tracks“ gesorgt, sagt Bergmann. Tatsächlich hat „Tracks East“, das dank der Unterstützung der Deutschen Welle auch in englisch- und russischsprachigen Versionen zugänglich ist, viel Lob verdient. Dass als Reaktion auf eine weltpolitische Entwicklung relativ kurzfristig ein neues Kulturfernsehformat entsteht, ist allemal außergewöhnlich. Abgesehen von der Namensähnlichkeit und einem Sendeplatz am sehr späten Freitagabend hat „Tracks“ mit „Tracks East“ aber eher wenig gemein. Dass Arte an dem Reportageformat festhält, kann den Wegfall des Popkultur-Magazins nicht kompensieren.

Aus epd medien 1-2/23 vom 13. Januar 2023

René Martens