Wellenbewegungen. Wie Krisen neue Technologien anschieben

Der März 1950 brachte den Radiohörern in Deutschland eine Zäsur. In der Nacht auf den
15. März wurden die Beschlüsse der Kopenhagener Wellenkonferenz von 1948 in ganz Europa umgesetzt. Dort waren jeder deutschen Besatzungszone nur jeweils zwei Mittelwellenfrequenzen zugeteilt worden, eine Langwellenfrequenz wurde nicht an Deutschland vergeben. In den deutschen Medien wurde das als Konsequenz der Niederlage im Zweiten Weltkrieg interpretiert. Die Hörer mussten sich ihre vertrauten Sender neu suchen - und manche konnten sie überhaupt nicht mehr hören. Der Fachdienst epd Kirche und Rundfunk beschrieb vor 70 Jahren die "deutsche Verlustbilanz im Äther": Vor allem im süddeutschen Raum gebe es Probleme, "ein wirklich sauberer Rundfunkempfang" sei in Süddeutschland "teilweise unmöglich geworden", schrieb der Vorläufer von epd medien.

Um die Verluste aufzufangen, hatten deutsche Rundfunktechniker bereits 1949 begonnen, Sendemasten für die Verbreitung der neuen Ultrakurzwelle in Deutschland aufzubauen. Vor 70 Jahren, am 30. April 1950, startete der Nordwestdeutsche Rundfunk das erste Programm, das nur über UKW verbreitet wurde. Den Anfang machte das Funkhaus Köln, das damals noch zum NWDR gehörte, mit "UKW West", einem Programm, das speziell auf Nordrhein-Westfalen zugeschnitten war. Das Funkhaus Hamburg musste noch einige sendetechnische Probleme bewältigen, ehe es am 14. Mai mit "UKW-Nord" auf Sendung gehen konnte.

Der NWDR, der 1950 noch für das riesige Sendegebiet Schleswig-Holstein, Niedersachsen, Hamburg und Nordrhein-Westfalen sendete, nutzte das neue Programm für die Regionalisierung und schuf so ein "Medium der Nähe", wie der Rundfunkhistoriker Knut Hickethier schrieb. Eine der ersten Sendungen von "UKW-West" war "Zwischen Rhein und Weser", eine Regionalsendung, die der WDR - der 1955 aus der Aufteilung von NWDR in NDR und WDR entstand - erst 67 Jahre später, im Mai 2017, einstellte.

Die Ultrakurzwelle machte die Entstehung der föderalen Hörfunklandschaft möglich, die Deutschland bis heute prägt. Ihre Einführung wurde in der damals sehr einflussreichen Rundfunkzeitschrift "Hörzu" geradezu euphorisch begleitet. Chefredakteur Eduard Rhein erfand den Begriff "Welle der Freude" für das zweite Programm, das vom NWDR zunächst als leichterer Ausgleich zum wichtigeren Mittelwellenprogramm geplant wurde.

epd Kirche und Rundfunk schrieb im Mai 1950, die Zahl der UKW-Hörer sei zwar noch "mikroskopisch klein", doch der Fachdienst zeigte sich zugleich überzeugt: "Dass die Zukunft der Ultrakurzwelle gehört, braucht kaum mehr zweifelhaft zu sein." Gelobt wurde die Klangqualität von UKW und die Reichweite, die die optimistischsten Erwartungen noch übertreffe.

Ab August 1950 sendete der Bayerische Rundfunk ein sogenanntes zweites Programm über die Ultrakurzwelle, ab Oktober der Hessische Rundfunk und ab November der Süddeutsche Rundfunk. 1951 gab es in deutschen Haushalten bereits 600.000 UKW-Empfänger. epd Kirche und Rundfunk schrieb: "Die Notlage des Kopenhagener Wellenwirrwarrs hat den deutschen Rundfunkleuten einen Zauberschlüssel in die Hand gegeben."

Aus der Not heraus wurde Deutschland vor 70 Jahren zum Vorreiter für die Einführung von UKW in Europa. Heute tut sich das Land mit der Einführung des Digitalradios eher schwer. Die Pfründen der föderalen Radiolandschaft, die sich seit 1950 herausgebildet hat, sind verteilt. Vor allem die Privatsender fürchten neue Konkurrenz. Doch jetzt könnte ausgerechnet die Corona-Krise dazu beitragen, dass sich die Audiolandschaft erneut stark verändern wird. Im März stieg die Nutzung von Audiostreams um 20 Prozent im Vergleich zum Vormonat. Wenn das so weitergeht, könnte das Internet als Verbreitungsweg dem Digitalradio DABplus den Rang ablaufen.

Aus epd medien 18/20 vom 1. Mai 2020

Diemut Roether