Was von den Nächten bleibt. Der Hype um Clubhouse

Woher kommt der Hype um die Audio-Diskussions-Plattform "Clubhouse", die aus den USA nun auch nach Deutschland kam? Liegt es an Corona? Daran, dass man endlich mal wieder entspannt mit vielen Leuten abhängen und quatschen kann? Ein bisschen bestimmt. Zumal der Podcastboom der letzten Jahre unser aller Gehör ja trainiert hat. Vor allem aber liegt es wohl daran, dass es nun schon so lange kein neues soziales Medium "für Erwachsene" mehr gegeben hat.

Die letzten Jahre mussten sich ausgewachsene Menschen, die sich möglichst "digital" geben wollten, mit Kinderkram wie Snapchat oder Tiktok beschäftigen. Aber einen Instafilter über die Welt zu legen, ist auch nur begrenzt lustig. Und Twitter war schon lange bevor Trump damit durchregiert hat nicht mehr, was es mal war. Oder was darin gesehen wurde.

Nun also nach all den Kiddie-Spielereien ein Diskurs-Tool aus Amerika für die Großen, die es bis zum Bachelor gebracht haben. Das Verknappungs-Marketing wirkte. Denn jedes Clubhouse-Mitglied darf zunächst nur zwei weitere Gäste einladen. Man bekam also ganz furchtbar FOMO ("Fear of missing out") und wollte dabei sein. Kein Zeichen von Reife, ich weiß.

Noch hatte ich allerdings gar keine Angst etwas zu verpassen, da lud mich auch schon jemand ein. Okay, ich gebe zu, ich hatte gewissermaßen gebettelt und mich auf die Warteliste gesetzt. Ich hatte im Social-Media-Wald irgendwas rauschen gehört. So angesagt bin ich normalerweise nämlich nicht (aber das bleibt bitte unter uns, das ist doch hier nicht öffentlich, oder?).

Dann hatte ich leider erst mal ein paar Tage keine Zeit. Man nennt es Arbeit. Das mache ich unter der Woche. Eine ganze Menge anderer Leute offenbar aber nicht. Am Wochenende schlugen Sucht und Neugier dann aber zu. Hach, wie fühlt sich das an, erst mal mit nur 100.000 Deutschen, die alle nachweislich auch wen kennen, der wen kennt, in einem Club zu sein?! "Damals", also vor gut zwei Wochen, musste man sich ja noch richtig was einfallen lassen, um die deutschsprachigen Räume überhaupt zu finden. Abends mit Manuela Schwesig oder Bodo Ramelow ins Bett. Das war doch was!

In dem Chat-Raum, in dem sich das Ramelowchen in unfassbar dummerhafter Weise um Kopf und Kragen geredet hat, war ich nicht. Aber ich war in dem Raum, in dem der passionierte Candycrusher anderntags selbstmitleidig versuchte, den Spieß umzudrehen, und lamentierte, wer hier zu wem menschlich mies gewesen sei. Ein Ministerpräsidentchen, das die Bundeskanzlerin vor einer großen Zahl von Menschen "Merkelchen" nennt und sich auch noch leidtut, dass das raus kommt, zählt für mich nicht mehr zum satisfaktionsfähigen Kreis. Bei Clubhouse konnte man also was lernen. Bodo - man duzt sich im Klubhaus - glaube ich in diesem Leben nichts mehr. Am wenigsten die medienwirksame Zerknirschung, die ihn schüttelt, wenn er anders aus einer Nummer nicht mehr rauskommt.

Das war aber, wie gesagt, "früher", also vor wenigen Wochen. Denn die Zahl der Clubhouse-Abonnenten explodiert. Damit wird dieser Club sehr schnell zu einem, wo man nicht mehr dazugehören muss, wenn es einem eh nur um den sozialen Distinktionsgewinn geht und nicht um die Sache - damit meine ich natürlich nicht mich.

Tatsächlich geht es mir so, dass ich ostentativ wertschätzende Umgangsformen neuerdings nicht mehr ertrage. Fast hoffe ich, dass mich bei Facebook mal wieder einer so richtig anpöbelt. Und wenn ich in diesem Monat nur noch ein einziges Mal irgendwen sagen höre, etwas Stinklangweiliges sei total "spannend", mache ich was kaputt. Sollen sie reden, bis alles gesagt ist, und zwar von jedem. Und danach gucken wir, was von all den Tagen und Nächten übrig blieb, die wir uns dort gerade noch um die Ohren geschlagen haben.

Aus epd medien 5/21 vom 5. Februar 2021

Andrea Kaiser