Was passt ins Bild? Bild TV könnte der Sender für Populisten werden

Seit es privates Fernsehen gibt, wollte Springer dabei sein. Doch Kartell- und Medienrecht ließen das nicht zu. Nun ist von einem neuen Anlauf zu lesen. Demnächst könnte es Bild TV tatsächlich geben. Vor zehn Jahren wäre dies eine Drohung gewesen. Heute herrscht Schweigen im Blätterwald. Offenbar aus gutem Grund. Denn die Digitalisierung der Kommunikation hat längst alte Hürden beseitigt, Ideologien beerdigt und neue Spielräume geschaffen.

Springer macht nach diversen Häutungen konzentrationsrechtlich kaum Probleme. Mit fetten Quoten kann Bild TV kaum rechnen. Zudem kostet gutes Fernsehen viel Geld. Woher soll es kommen? Auch deshalb wird aus Bild TV kaum ein Fuchs im Gänsestall werden.

Kaum? Es gibt neuerdings Crowdfunding. Vielleicht gibt es auch Beiträge der Verächter von ARD und ZDF, von solchen, die die Haushaltsabgabe hassen. Oder es gibt ein paar wirklich reiche Leute - Paul Sethes Satz über die Pressefreiheit lässt grüßen -, die sich, ganz selbstlos natürlich, als zahlende Follower anbieten. Denn am Ende geht es weniger um das Geschäft als um Einfluss auf die öffentliche Meinung.

Diese Absicht ist nicht als solche verwerflich. Einfluss nehmen wollen die meisten Journalisten. Die Frage ist nur: wie? Indem man der Maxime folgt, die Bild-Chefredakteur Reichelt ausgibt: "Zeigen, was ist?" So, als sei dies das kleinste aller Probleme. So als liefe die Wirklichkeit mit einem Schild um den Hals herum, auf dem, natürlich in Großbuchstaben, steht: ich bin es. So, als hätte "Bild" nicht sehr eigene Methoden für die Beschreibung von Realität: das Aufkochen von Ressentiments, die Inszenierung von Kampagnen, den klotzig-klobigen Kommentar, das Fischen im Trüben, wenn Klarheit fehlt, den Dauertest, was öffentlich noch als Wahrheit durchgeht.

Bild TV könnte sich, darauf aufbauend, als gelehrige Tochter von Mutter "Bild" erweisen, könnte sich in einer erheblich polarisierten Gesellschaft von Sendern abheben, die gehalten sind, es mit der Wirklichkeit genau zu nehmen. Bild TV könnte, mit den Mitteln des Fernsehens ausbauen, was "Bild" immer schon praktiziert hat: Emotion sagen und Suggestion ausüben, Menschen an den Pranger stellen, das eine schlimme Beispiel zur ganzen Realität aufblasen.

Bild TV könnte das bewegte Bild so einsetzen, wie "Bild" bisher das Wort: scharf, grell, schwarz-weiß, frei von Zwischentönen. Bild TV könnte so der Sender für Populisten werden, die "Lügenpresse" schreien, weil das, was sie lesen oder sehen, nicht in ihr Bild passt. Bild TV könnte sich zu einer deutschen Ausgabe von Fox TV entwickeln, ein einst konservativer US-Sender, der sich inzwischen zu einem politischen Akteur entwickelt hat.

Könnte? Dieser kategorische Konjunktiv meint: Es muss nicht so kommen. Vielleicht erwartet uns wirklich nur ein Schaf im Wolfspelz. Vielleicht dröhnt hier nur ein Chefredakteur, der ARD und ZDF mit ihren "sterilen und glattgespülten" Programmen zeigen will, was ist, indem er den Profis das Fernsehen so messerscharf erklärt, als hätte er es persönlich erfunden. Vielleicht hält sich Bild TV wenigstens im Großen und Ganzen an den kategorischen Imperativ von Hanns Joachim Friedrichs: sich mit keiner Sache gemein zu machen, auch nicht mit einer guten. Vielleicht stellt die Medienaufsicht klar, dass ein solcher Sender die Grenzen von Artikel 5 nicht nach Belieben austesten kann.

Wer Fernsehen macht, übernimmt eine große Verantwortung. Bei allen Veränderungen durch die Digitalisierung gilt nach wie vor, was das Bundesverfassungsgericht 1961 festgestellt hat: Fernsehen ist "Medium und Faktor" der demokratischen Willensbildung. Das setzt den Machern einen Rahmen. Sollte man das bei Bild TV auch so sehen und die daraus erwachsende Verantwortung übernehmen, dann könnte ich mir, vielleicht, überflüssige Sorgen gemacht haben.

Aus epd medien 41/19 vom 11. Oktober 2019