Was mit Fernsehen. Wohin US-Regierungssprecher gern wechseln

epd Regierungssprecherinnen und Politiker machen in den USA nach ihrem „Dienst an der Öffentlichkeit“ gern etwas mit Fernsehen oder im PR-Bereich. Dieser Trend setzt sich zurzeit ungebremst fort, obwohl die Symbiose von Journalismus und Politik im Washingtoner Ökosystem der von vielen US-Amerikanern bezweifelten Glaubwürdigkeit der Medien nicht eben helfen dürfte.

Mitstreiter im Team von Ex-Präsident Donald Trump kamen von Fox News und gingen zu Fox News. Pressesprecherin Sarah Sanders gab monatelang keine Pressekonferenzen, trat aber bei Fox News auf und ging schließlich ganz zum Sender. Trumps letzte Sprecherin, Kayleigh McEnany, landete ebenfalls bei dem rechtskonservativen Kanal.

Doch es geht nicht nur um den vom Reality-Star zum Staatschef mutierten Immobilienmakler. Joe Bidens Pressesprecherin Jen Psaki verlässt angeblich in wenigen Wochen ihren Posten hinter dem Rednerpult mit der Aufschrift „The White House“. Laut Insiderinformationen soll die 43-Jährige als Expertin beim Kabel-Fernsehen von MSNBC einsteigen, dem liberalen Gegengewicht zu Fox News, und eine eigene Show im NBC-Streamingdienst Peacock bekommen. Psaki ist erfahrene Seitenwechslerin: Vor dem Job für Biden hatte sie mehrere Jahre bei CNN kommentiert. Und davor war sie Kommunikationsdirektorin in Barack Obamas Weißem Haus.

Die Pressesprecherin von Vizepräsidentin Kamala Harris, Symone Sanders, wechselte bereits im Januar zu MSNBC. Die drei Sprecher der Regierung von Barack Obama hatten ebenfalls ein Plätzchen vor der Kamera gefunden - Josh Earnest bei NBC und MSNBC, Jay Carney - gelernter Journalist beim Wochenmagazin „Time“ - kurzzeitig bei CNN, bevor er Manager bei Amazon wurde. Robert Gibbs ging zu NBC und dann mehrere Jahre zur PR-Abteilung von McDonald's. Obamas Ex-Chefstratege David Axelrod tritt häufig bei CNN auf, George W. Bushs Pressesprecherin Dana Perino und Sprecher Ari Fleischer kommentieren bei Fox News.

Meist wechseln die Ex-Politiker und Ex-Sprecher zu ihnen nahestehenden Medienfirmen, wo sie die erhofften Innenansichten liefern sollen. Für Aufsehen und angeblich auch Empörung sorgte jüngst bei Mitarbeitern des Senders CBS die Einstellung des früheren Trump-Stabschef Mick Mulvaney, der zu Beginn der Corona-Pandemie behauptet hatte, Medien berichteten so viel zu dem Thema, weil sie Trump schaden wollten. Der Ko-Präsident von CBS News, Neeraj Khemlani, begründete laut „Washington Post“ Mulvaneys Einstellung damit, dass der Sender „Zugang zu beiden Seiten“ brauche. Das sei Priorität, denn die Republikaner würden wahrscheinlich die Kongresswahlen im November gewinnen und dort die Mehrheit stellen.

Auch Ex-Präsidenten machen „was mit Medien“. Donald Trumps Online-Medienunternehmen „Truth Social“ sollte als Alternative zu Twitter die sozialen Medien aufwirbeln. Das klappt nicht so recht. Die Nutzerzahlen sinken offenbar und sind geradezu winzig, verglichen mit Twitter. Barack Obama und Michelle Obama haben mehr Glück mit ihrer 2018 gegründeten Produktionsfirma Higher Ground Productions. Ihr erster Dokumentarfilm „American Factory“ über Arbeiterinnen und Arbeiter einer Glasfabrik in Ohio hat 2019 einen Oscar bekommen.

Nach der Corona-Pause findet am 30. April in Washington wieder das jährliche Dinner des Verbandes der Korrespondenten des Weißen Hauses statt, bei dem die journalistische Elite mit der politischen und kulturellen Spitze zusammentrifft. Dann wird gefeiert, als gäbe es keine inhärenten Interessenkonflikte zwischen Politikern und Journalisten. Laut Medienberichten werden Joe Biden und First Lady Jill Biden dabei sein.

Aus epd medien 17/22 vom 29. April 2022

Konrad Ege