Von wegen chic! Die Redaktion der "Cahiers du cinéma" tritt zurück

Ende Februar fand in Paris eine kleine Revolte statt, die in der cinephilen französischen Kulturwelt kräftig nachhallt: Die aus 15 Personen bestehende Redaktion der legendären Filmzeitschrift "Cahiers du cinéma" gab ihre Kündigung bekannt. Das Tischtuch zwischen ihr und den neuen Eigentümern ist zerrissen. Am 3. Februar hatte eine Investorengruppe den Titel vom bisherigen Besitzer Richard Schlagman erworben. Der britische Verleger, der den Kunstverlag "Phaidon Press" leitet, hatte die "Cahiers" bereits seit einem Jahr zum Verkauf angeboten. Die legendäre Zeitschrift war, trotz ihrer beachtlichen Auflage von 12.000 Exemplaren, ein zu großes Verlustgeschäft.

Was die neuen Besitzer, ein Konsortium von 20 einflussreichen Playern im Mediengeschäft, an einem kleinen Verlag reizt, der im Handelsregister mit einem Kapital von 18.113,82 Euro eingetragen ist, blieb nicht lange ein Rätsel. Es war nicht der Mythos der "Cahiers", denn den haben sie gründlich missverstanden. Sie wollen der Zeitschrift eine frische Dynamik geben, sie soll "chic" und "freundlicher" werden.

Es braucht einige Fantasie, um diese Adjektive mit der Zeitschrift in Verbindung zu bringen. Sie war immer esoterisch und streitbar. Die Investoren wünschen sich zudem eine engere Partnerschaft mit Institutionen, Filmschulen und insbesondere dem Festival von Cannes, dem die Kritiker der Zeitschrift nie einen schlechten Jahrgang durchgehen ließen. Im Kern fordern sie, die "Cahiers" sollten ein positiveres Bild des französischen Kinos zeichnen. Für eine Redaktion, die dessen Trägheiten und Fehlentwicklungen stets kritisch analysierte (eine Tradition seit Truffaut und anderen) und im Gegenzug dessen Umbrüche und Erneuerungen enthusiastisch feierte, ist es selbstredend unerträglich, das heimische Kino per ordre de mufti schönzureden.

Einwände erhebt die Redaktion überdies gegen die Zusammensetzung der Gruppe, der acht Filmproduzenten angehören sowie der Chef einer Versicherung, die 40 Prozent aller Dreharbeiten in Frankreich abdeckt. Ein weiterer Dorn im Auge ist den unabhängigen Redakteuren die Medienmacht, die sich in diesem Konsortium konzentriert. "Le Monde"-Hauptgesellschafter Xavier Niel gehört dazu, ebenso wie der Gründer des Nachrichtenkanals BFM, dessen verzerrende Berichterstattung über die Gelbwesten der Chefredakteur der "Cahiers", Stéphane Delorme, in seinen Editorials wiederholt kritisierte.

Die "Cahiers" sind für die Filmkultur weltweit unverzichtbar. Unter Delorme hat die Zeitschrift in den vergangenen Jahren ein kämpferisches Profil gewonnen. Das mag ein Abglanz der großen Zeit sein, die sie im letzten Jahrhundert erlebte, aber welch prächtiger! Sie stellte mit jeder Ausgabe ihre cinephile und gesellschaftspolitische Erregbarkeit unter Beweis.

Die thematischen Schwerpunkte, die die Redaktion in den letzten Jahren setzte, waren gewichtig, dringlich und oft originell. Die Filmgeschichte geriet zuweilen ins Hintertreffen, dafür schauten die "Cahiers" wachsam auf die Aktualität. Delorme war stets zu Stelle, wenn es galt, die Irrwege des Macronismus zu geißeln, etwa die Ernennung eines großzügigen Wahlkampfspenders zum Chef des Centre National du Cinéma: Ein Filmproduzent, mithin ein Spezialist privater Finanzierung, soll nun über die Vergabe von Fördergeldern entscheiden? Ein solch skandalöser Interessenkonflikt durfte nicht unkommentiert bleiben. Es schmerzt, all dies in der Vergangenheitsform zu schreiben. Sie sollte Nachrufen vorbehalten sein. Wie es weitergehen wird, kann, steht in den Sternen. Welcher integre Filmjournalist wäre unter diesen Umständen bereit, die Stelle seiner Kollegen einzunehmen?

Aus epd medien 11/20 vom 13. März 2020

Gerhard Midding