Viel mehr als eine "Sprechpuppe". Zum Tod von Wibke Bruhns

Den Job, durch den sie Anfang der 70er Jahre in der ganzen Bundesrepublik bekannt wurde, hat sie nie geliebt. "Dieses Offizielle war tatsächlich der langweiligste Job, den ich je hatte", schrieb Wibke Bruhns in ihren Erinnerungen "Nachrichtenzeit": "Anderer Leute Texte vorzulesen ohne eigene Interpretation war mein Ding nicht." Am 12. Mai 1971 präsentierte Wibke Bruhns als erste Frau im westdeutschen Fernsehen die Nachrichten im ZDF. Doch als sie den ungeliebten Job als "Sprechpuppe" nach kurzer Zeit schon wieder aufgeben wollte, wurde ihr bewusst, dass sie "eine Tür aufgestoßen hatte für mehr Frauen-Teilhabe". Nun konnte sie nicht "zulassen, dass sie wieder zuflog".

Sie ging dann allerdings gern durch die Tür, die ihr Günter Grass mit seiner sozialdemokratischen Wählerinitiative aufhielt: 1972 schloss sie sich der Kampagne für Willy Brandt an, tourte von Flensburg bis Passau durchs Land und sagte den Leuten: "Ihr seid ja nur hier, um zu gucken, dass ich Füße habe." Als der Fraktionsvorsitzende der CDU in Niedersachsen, Winfried Hasselmann, das ZDF aufforderte, die Sprecherin wegen ihres Engagements vom Nachrichtenstuhl zu entfernen, ließ sie sich davon nicht einschüchtern. Die Wählerinitiative bedankte sich gar mit einem Blumenstrauß bei Hasselmann für die kostenlose Werbung.

Doch nach Brandts Wahlsieg hielt es sie nicht mehr lang beim ZDF. Sie arbeitete frei für den WDR und den "Stern". 1973 fuhr sie mit Brandt zum Staatsbesuch nach Israel. Als der Kanzler sie dort gegen Mitternacht in seine Suite im Hotel "King David" einlud, entstand das Gerücht, sie sei Brandts Geliebte gewesen. Noch Jahrzehnte später mühte sich Wibke Bruhns, es aus der Welt zu schaffen: "Ich war nicht mit ihm im Bett. Punkt", sagte sie 2012 der taz.

Sie hat als Frau und Pionierin viel Kritik einstecken müssen. Heute würde man von Shitstorms sprechen, damals schickte ihr tatsächlich ein Mann "einen großen Haufen - Verzeihung - Scheiße", den er sorgfältig auf einem Heiligenbild platziert und verpackt hatte. Dazu schrieb er: "Gott straft Frauen, die ihren angestammten Platz verlassen." Doch "am zickigsten" seien die Frauen gewesen, erinnerte sie sich: "Die fanden, ich sollte nach Hause gehen und mich um Mann und Kinder kümmern."

Der Moderator Frank Plasberg hat einmal über Wibke Bruhns gesagt, sie sei "die Helmut Schmidt des Journalismus". Damit hat er gut ihre hanseatische, manchmal etwas brüske Art und ihr Faible für klare Worte auf den Punkt gebracht. Dass es ihr in den 60er Jahren leichtfiel, sich in der Männerwelt des Journalismus durchzusetzen, schrieb sie in ihren Erinnerungen der Tatsache zu, dass sie jahrelang eine der wenigen Frauen in diesem Gewerbe war. Der taz sagte sie: "So zu tun, als seien wir unterdrückte Mäuschen, ist Quatsch. In dem Job kann es auch sehr hilfreich sein, eine Frau zu sein. Als ich im Pentagon recherchiert habe, wurden mir alle Türen aufgemacht - natürlich hat es mir da geholfen, dass ich eine Frau bin. Im Männerhaus."

Dafür, dass die "Stern"-Reporterin Laura Himmelreich 2013 in einem Porträt über Rainer Brüderle die schmierigen "Komplimente" publik machte, die der Politiker ihr gemacht hatte, hatte die politische Journalistin damals wenig Verständnis. In der Talkshow "Günther Jauch" sagte sie, das sei unprofessionell. Männer und Frauen seien nun einmal verschiedene Spezies. Wer das ändern wolle, mache aus einem Stier einen Ochsen. Dennoch war ihr bewusst, dass der Journalismus immer noch eine Männerwelt ist und dass im Fernsehen junge hübsche Frauen zwar vielleicht eine Chance bekommen, alte Frauen jedoch vom Bildschirm verschwinden. Der taz sagte sie: "Eine alte Frau als Nachrichtensprecherin würde einen Sturm der Entrüstung auslösen." Sie wird nicht zuletzt wegen ihrer klaren Worte nicht nur als Sprechpuppe in Erinnerung bleiben.

Aus epd medien 26/19 vom 28. Juni 2019

Diemut Roether