Valar urnebis. "Game of Thrones" hat die Fans näher zusammengebracht

Die größte Fantasy-Fernsehserie aller Zeiten hat ein Ende gefunden. Nicht unbedingt das Ende, das sich viele Fans gewünscht haben - über eine Million von ihnen haben eine Petition unterschrieben, in der sie einen Neudreh der finalen Staffel verlangen - aber die Macher haben es doch geschafft, den vielen Figuren und Handlungssträngen rund um die Ränkespiele auf dem fiktiven Kontinent Westeros einen einigermaßen würdigen Abschluss zu geben.

An "Game of Thrones", das im April 2011 bei HBO Premiere feierte, lässt sich viel illustrieren. Die endgültige Ankunft von Fantastik im Mainstream etwa, auf den Schultern des "Herrn der Ringe", für viele Staffeln verpackt in Geschichten über politische Intrigen und Feldzüge. Oder die Kinofizierung des Fernsehens, mit Folgen in Spielfilmlänge und Effektbudgets, mit denen man die Gorch Fock reparieren könnte. Vor allem aber ist die Serie wohl das beste Beispiel für die veränderte internationale Fernsehkultur des vergangenen Jahrzehnts.

In Deutschland lief die erste Staffel ein halbes Jahr nach der US-Ausstrahlung auf dem Pay-TV-Sender TNT Serie, immerhin für bis zu 100.000 Zuschauer. Viele Fans sahen die Serie wie ich allerdings vermutlich erst 2012 auf DVD oder bei RTL II. Die Verzögerung störte damals nicht - anders war man es ja nicht gewohnt.

Bei der berüchtigten "Red Wedding" zum Ende von Staffel drei, kam aber erstmals das Gefühl auf, man würde etwas verpassen, wenn man sich nach der Erstausstrahlung zu lange Zeit lassen würde. Das ganze Internet war voll mit Reaktionsvideos und Memes, die das traumatische Ereignis verarbeiteten. Parallel hielten die Streaminganbieter Einzug in deutsche Haushalte und boten ihren Content unkompliziert auf Abruf an. Immer mehr Leute fragten sich laut: Warum kann ich das nicht einfach direkt nach der US-Premiere legal in Deutschland gucken - ohne ein kompliziertes Pay-TV-Abo abzuschließen?

Es dauerte bis 2016, als man nach dem Start von Sky Ticket diese Frage endlich nicht mehr stellen, und sich höchstens noch mit dem schlechten Interface der Plattform herumschlagen musste. Nur noch ein paar Stunden lagen in den letzten Staffeln zwischen der US-Sendung und der deutschen Online-Verfügbarkeit. Ein Tag mehr, wenn man Amazon Prime Video als Anbieter vorzog. Neben dem Siegeszug von Netflix trugen dazu vor allem zwei Aspekte bei: Die regelmäßige Erstplatzierung von "Game of Thrones" auf Listen der am häufigsten raubkopierten Fernsehsendungen und der wachsende Hype in sozialen Medien. Mehr als ein paar Tage alle #GOT-Tweets auf Twitter auszublenden, weil man nicht erfahren möchte, was in der letzten Folge passiert, war schlicht niemandem mehr zuzumuten.

"Game of Thrones" hat die Welt etwas näher zusammengebracht, zumindest die Fans der Serie. In einigen Medien wird daher zum Ende der Serie auch bereits der endgültige Tod der Straßenfegerkultur beweint. Das Horrorszenario, dass wir alle in Zukunft nur noch atomisiert individuell auf uns zugeschnittene Nischenserien gucken, ist aber Quatsch. Es muss nur die nächste gute Serie des Wegs kommen, bei der sich ein Sender zur Abwechslung entscheidet, sie nicht "bingeable" auf einen Schlag zu veröffentlichen.

Dann wird man, in Anlehnung an die Westero'sche Grußformel "Valar Morghulis", alle Menschen müssen sterben, wieder sagen können: "Valar urnebis", alle Menschen müssen schauen.

Aus epd medien 21/19 vom 24. Mai 2019

Alexander Matzkeit