Unterschiedliche Wahrheiten. Vor 50 Jahren: Die "Pentagon Papers"

epd Die Veröffentlichung von Geheimdokumenten rüttelt nicht zwangsläufig die Zustände auf. Es braucht ein entsprechendes politisches und gesellschaftliches Umfeld - und manchmal einfach Zeit. Das galt selbst für die legendären „Pentagon Papers“, deren Offenlegung 1971 die Hoffnung von Whistleblower Daniel Ellsberg anfangs nicht erfüllt hat. Vor 50 Jahren druckte die „New York Times“ (NYT) erste Auszüge aus den Papieren. Sie waren eine Sammlung von Geheimdokumenten und Analysen zur Entstehungsgeschichte des Vietnamkrieges. Die NYT brachte am 13. Juni 1971 auf Seite eins die Überschrift: „Vietnam-Archiv: Pentagon-Studie zeigt zwei Jahrzehnte der zunehmenden US-Einmischung.“

Der Text stand neben einem Artikel über die Hochzeit von Präsident Richard Nixons „ätherisch blonder“ Tochter Tricia Nixon. Ein Holzzaun sei errichtet worden, um erwartete Anti-Kriegsdemonstranten zu verbergen. 400 Gäste waren da, darunter FBI-Direktor J. Edgar Hoover und Baptistenprediger Billy Graham. Detaillierte Pentagon-Papers-Dokumente folgten dann auf den Seiten 35 bis 40. Die Studie, die von dem bis 1968 amtierenden Verteidigungsminister Robert McNamara beauftragt wurde, geriet zum wohl ersten sicherheitspolitischen Riesenleck, lange vor Wikileaks, Chelsea Manning und Edward Snowden. Wie inzwischen oft erzählt, hat der heute 90-jährige Ellsberg die Papiere mühsam fotokopiert und Reportern gezeigt.

Tausende Seiten dokumentierten, wie sich US-Regierungsvertreter von den 40er bis zu den 60er Jahren immer tiefer in die Sümpfe und Dschungel von Indochina hinein bewegt hatten. Öffentlichkeit und Medien wurden mit Falschinformationen über „Fortschritte“ beruhigt. Ellsberg, als Pentagon-Berater einer der Mitwirkenden an den Papieren und selbst Kriegsbefürworter bis zu seiner Ernüchterung angesichts der Unwahrheiten, schätzt seine Rolle bei der Aufarbeitung bescheiden ein: Drei Millionen US-Amerikaner seien in Vietnam gewesen, und „ich denke, dass nahezu ein jeder realisiert hat, dass die Regierung log“, sagte er zum 50. Jahrestag der Veröffentlichung.

Der im August 2019 verstorbene Pentagon-Mitarbeiter Leslie Gelb war zuständig für das Projekt. Gelb, zuletzt selbst Kriegsgegner, hat 2018 in einem Interview die Berichterstattung über die Papers bemängelt. Es sei viel über die Dokumente geschrieben worden, doch die wenigsten Schreibenden hätten das umfangreiche Material gelesen, kritisierte er. Dass mit den Papieren Lügen aufgedeckt wurden, ist nach Ansicht von Gelb eher zweitrangig. Hauptsächlich werde sichtbar, dass die US-Führung, angefangen mit Präsident Harry S. Truman, „so gut wie gar nichts wusste über Vietnam und Indochina“. Das Establishment habe geglaubt, dass der Rest von Asien fallen würde, „wenn wir Vietnam verlieren“.

Diese Mischung von Arroganz und Ignoranz war kein Einzelfall. 2019 hat die „Washington Post“ die „Afghanistan Papers“ publiziert - das sind mithilfe des Informationsfreiheitsgesetzes erstrittene Dokumente und Interviews über den Afghanistan-Krieg, die verblüffende Ähnlichkeiten zu Vietnam aufweisen. Die US-Streitkräfte waren schlecht informiert. Verteidigungsminister Donald Rumsfeld gab 2003 laut einem internen Memo zu, er habe keine „verwendbaren“ Informationen über die „bad guys“ in Afghanistan. Und wieder hat die US-Regierung Erfolgsmeldungen verbreitet.

Die Publikation 1971 in der „New York Times“ sowie später in der „Washington Post“ und in weiteren Zeitungen erfolgte trotz Nixons juristischem Sperrfeuer. Whistleblower Ellsberg sagte 2017, er habe damals gehofft, die Veröffentlichung würde den Kongress zum Entzug der Gelder für den Krieg motivieren. Auf die Abstimmung bald nach der Erstveröffentlichung hätten die Papiere aber keinen Einfluss gehabt. Seit zehn Jahren stehen die „Pentagon Papers“ auf der Web Seite des US-Nationalarchives. Es sind 7.000 Seiten.

Aus epd medien 24/21 vom 18. Juni 2021

Konrad Ege