Unter den Besten. Die verdiente Würdigung von "The Americans"

epd Die Anerkennung war überfällig. Auf der jüngst von BBC Culture veröffentlichten Liste der 100 besten Fernsehserien des 21. Jahrhunderts findet sich „The Americans“ auf einem hervorragenden achten Platz. Die Serie des US-Kabelsenders FX, die zur Zeit des Kalten Krieges in Washington spielt, stand bei ihrer Ausstrahlung zwischen 2013 und 2018 zu Unrecht im Schatten berühmter Konkurrenten und wurde vor allem in Deutschland auch vom Film- und Serienfeuilleton übersehen.

Die Umfrage unter 206 Experten aus 43 Ländern katapultierte zwar erwartbare Favoriten wie „The Wire“, „Mad Men“ und „Breaking Bad“ auf die obersten Plätze. „The Americans“ konnte aber Schwergewichte wie „True Detective“ (31), „Fargo“ (35) oder „Homeland“ (46) hinter sich lassen. Die Geschichte eines russischen Paares, das unter einer Tarnidentität mit nichtsahnenden Kindern in Washington lebt und gefährliche Einsätze für den KGB ausführt, geht über Historienmalerei mit Spannungselementen weit hinaus. „The Americans“ ist ein Paradebeispiel für eine Serie, bei der eine fein ausgearbeitete Charakterentwicklung im Vordergrund steht - und der es deshalb gelingt, über sechs Staffeln hinweg fesselnd die großen Themen der Weltpolitik, aber auch des privaten Daseins zu verhandeln. Besonders faszinierend ist, wie diese Lebensbereiche zunächst als getrennte Subsysteme erscheinen, sich dann aber zunehmend verschränken.

Die deutschen Fernsehzuschauer bekamen davon nicht allzu viel mit. Die erste Staffel lief Anfang 2014 frei empfangbar bei ProSieben Maxx, danach wanderte sie zum Bezahlsender Sat.1 Emotions. Erst 2020 - zwei Jahre nach dem Serienende! - spendierte ProSiebenSat.1 dem deutschen Publikum eine frei empfangbare Ausstrahlung der Staffeln zwei und drei im Sender Joyn Primetime. Eine kleine Fangemeinde bildete sich in Deutschland dennoch, weil die Serie - hinter der Joe Weisberg als Creator und Produzent steht - auch bei Netflix und Amazon Prime im Angebot ist. In der BBC-Umfrage haben nun 36 Experten „The Americans“ in ihren Top Ten aufgeführt.

Eine Genugtuung dürfte die Liste auch für David Lynch sein. Die meisterhafte dritte Staffel von „Twin Peaks“, die er 2017 vorlegte, verursachte zwar ein bisschen oberflächlichen Medienhype, fand aber in der zeitgenössischen Kritik kaum die vertiefende Beachtung, die angemessen gewesen wäre. Lynchs weit ausgreifendes, mitunter surreales Welttheater, das am Ende durch Raumzeit-Verschiebungen die Wiederkehr der vor 25 Jahren ermordeten Schülerin Laura Palmer präsentiert, beschäftigt vermutlich viele Dissertationen, die gerade erst geschrieben werden. Aber Platz 13 in der Umfrage ist schon mal eine handfeste Auszeichnung.

Dass Produktionen aus dem anglo-amerikanischen Raum die Liste deutlich dominieren, verwundert ebenso wenig wie die Tatsache, dass deutsche Serien nur in geringer Zahl vertreten sind. „Dark“ (Platz 58) und „Babylon Berlin“ (75) halten hier die Fahne hoch. Dass „Unorthodox“ von der auch in den USA inzwischen sehr populären Regisseurin Maria Schrader nicht in den Top 100 auftaucht, ist da schon eher eine Überraschung (die einzige Nennung kam aus Albanien). Einen Platz in der Liste verdient gehabt hätte auch Altmeister Dominik Graf, der 2010 mit „Im Angesicht des Verbrechens“ schon so modern erzählte, dass er damit nicht nur das TV-Publikum, sondern auch die produzierende ARD überforderte, die den Meilenstein am Ende im Nachtprogramm versenkte.

Einzig „Spiegel“-Autor Andreas Borcholte, einer der sechs befragten deutschen Experten, listete die Serie unter ihrem internationalen Titel „In the Face of Crime“ in seinen Top Ten auf. Von den anderen fünf nannte nur die Deutschlandradio-Journalistin Susanne Burg noch eine deutsche Serie: „Crime Scene Cleaner“, bei uns besser bekannt als „Tatortreiniger“.

Aus epd medien 45/21 vom 12. November 2021

Michael Ridder