Und sie dreht sich noch. Das langlebige Medium Schallplatte

epd Ein richtig idyllischer Schwarzwald-Ort ist St. Georgen vielleicht niemals gewesen. Ende der 1960er wurde dann auch noch beschlossen, „ein neues Rathaus, vom Geiste unserer Zeit geprägt“ in der Mitte des 13.000 Einwohner zählenden Städtchens zu bauen. Ein brutalistisches Ungetüm, das an das etwa zur gleichen Zeit errichtete Rathaus in der „Neuen Mitte“ der Grimme-Instituts-Stadt Marl erinnert. Seinerzeit waren beide florierende Industriestädte. Anders als nach Marl allerdings kommen in den Schwarzwald Touristen, und die kann St. Georgens Mitte schon irritieren.

Vorteile bieten die Bauten aber auch: Im Zentrum ist Platz. Daher konnte St. Georgens wohl größte Attraktion sich weiter vergrößern: Das ursprünglich im Rathaus beheimatete, später in ein leer stehendes Kaufhaus übergesiedelte Deutsche Phonomuseum erinnert daran, dass der Ort einst ein Weltzentrum der Schallplattenspieler-Produktion war.

Allein die Firma Dual bot Ende der 1970er rund 3.000 Arbeitsplätze in der Region. Der Markenname stammt aus den späten 1920er Jahren, als die Gebrüder Steidinger auf die innovative Idee kamen, bei Plattenspielern den Elektromotor mit einem Federantrieb zu kombinieren - daher der Name Dual. Die elektrische Betriebsart war neu und bequem, beim Federantrieb zum Aufziehen verfügte die „Fabrik für Feinmechanik“ der Gebrüder Steidinger über jahrhundertelange Erfahrungen. Schließlich hat man sich im Schwarzwald lange mit dem Bau hölzerner Uhren befasst, die nicht nur verlässlich gehen mussten, sondern auch regelmäßig tönen sollten - nicht nur, aber auch in Form von Kuckucksrufen. Da die Brüder sich zerstritten, entstand mit Perpetuum Ebner (PE) noch eine Firma, die Schallplattenspieler herstellte, am selben Ort, die zeitweise größer war als die ältere.

All das bereitet das Phonomuseum auf: die Entwicklung von repräsentativen Phonoschränken und später von mobilen Phonokoffern für Singles - was seinerzeit vor allem ein Begriff für kleine Schallplatten mit nur einem Lied auf jeder Seite war. Ins Auge springt das „Taumelmodell“, das die „absolute Spurtreue“ von Tonarm und Präzisionsfeder der Dual-Plattenspieler beweist. Setzt man es mit 50 Cent in Bewegung, dreht sich der Plattenspieler um die eigene Achse und spielt dabei den Schlager „Lieder, die die Liebe schreibt“ ab.

Den attraktiv anzuschauenden Gag nutzte Dual auf Messen, bevor die Firma Anfang der 1980er in Konkurs ging. Der taumelnde Plattenspieler im Museum ist jedoch ein jüngeres Dual-Gerät, „made in St. Georgen“. Tatsächlich gibt es die Marke Dual wieder, und in St. Georgen werden noch immer Plattenspieler produziert. Denn die einst tot gesagte Vinyl-Schallplatte erweist sich als überraschend langlebig, während es mit dem digitalen Speichermedium Compact Disc (CD), das in den 80er Jahren begann, die Langspielplatte zu verdrängen, rasant bergab geht. 2021 verkündete die Bertelsmann Music Group, sie habe „mehr Umsatz mit Schallplatten als mit CDs gemacht“ - auch wenn die für den Konzern lukrative Musik natürlich im speichermedienfreien Streaming spielt, das für vier Fünftel des Umsatzes sorgt.

Die Marke Dual besteht noch, sitzt jetzt aber in Bayern. In St. Georgen produzieren derzeit zwei Firmen mit rund 20 Mitarbeitern Plattenspieler, sagt Wolfgang Epting, dessen Unternehmen WE Audio Systems KG sich die Markenrechte von Perpetuum Ebner gesichert hat. Epting hat sich dem analogen Musikgenuss verschrieben und stellt hochwertige Plattenspieler her. „Die Geschichte der Phonoindustrie in und um St.Georgen ist komplex“, sagt er, aber abgeschlossen ist sie nicht. Über die analoge Volte im Geschäft mit Medienabspielgeräten und Speichermedien kann man im Deutschen Phonomuseum in St. Georgen viel lernen. Im Dezember wird es 50 Jahre alt.

Aus epd medien 48/22 vom 2. Dezember 2022

Christian Bartels