Umbau mitten in der Krise. US-Zeitungen wollen mehr Diversität

Die Proteste gegen Rassismus sind in die US-Zeitungsredaktionen eingedrungen. Es tut den Blättern gut. Leserinnen und Leser der Tageszeitung "Kansas City Star" bekamen im Dezember einen selbstkritischen Leitartikel geboten: Die Zeitung in der 500.000 Einwohner zählenden Stadt Kansas City in Missouri entschuldigte sich für eine jahrzehntelang von Rassismus durchsetzte Berichterstattung.

Reporter hätten in Archiven zahllose Beiträge gefunden, die Schwarze als "Kriminelle in einer Welt voller Kriminalität" dargestellt hätten, schrieb Chefredakteur Mike Fannin. Der "Star" habe beispielsweise den in Kansas City geborenen Jazz-Komponisten Charlie "Bird" Parker erst nach dessen Tod 1955 erwähnt - und dabei seinen Namen falsch buchstabiert. In der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts habe die Zeitung hochlobend über die Erschließung neuer Wohngebiete für "anspruchsvolle Käufer" - also für Nicht-Schwarze - berichtet. Es sei eine Stadt mit zwei Immobilienmärkten herangewachsen, einer für Schwarze, einer für Weiße.

Auch die "Los Angeles Times" ging in sich. Mitte der 50er Jahre sei die "Times" ein "unkritisches Sprachrohr" für die Befürworter der Massendeportationon von Migranten aus Mexiko gewesen, hieß es in einem Rückblick. 1981 habe das Blatt vor einer "permanenten Unterklasse" in den "Ghettos und Barrios" gewarnt, deren Kriminalität überwiegend weiße Wohnorte bedrohe. Die "Times" habe häufig Vorurteile reflektiert oder gefestigt, schrieb Eigentümer Patrick Soon-Shiong im September.

Was schulden die USA den Nachkommen Millionen versklavter Menschen, heute, 156 Jahre nach dem Ende der Sklaverei? Und all den Afro-Amerikanern, die noch lange danach benachteiligt werden? Das Vermögen weißer Familien ist im Schnitt zehnmal größer als das schwarzer. Und dass Schwarze überproportional Opfer sind von Polizeigewalt, lässt sich nicht auch mehr wegreden.

Free Press, ein Verband für Mediendiversität, betreibt seit mehreren Monaten ein Projekt namens "Media2070.org". Es versteht sich als Einladung zum Nachdenken über eine neue Medienwelt. Dazu gehöre ein ehrlicher Rückblick: Medienfirmen hätten von Sklaverei profitiert, stellte Free Press in seiner Studie fest. Bereits die erste kontinuierlich erscheinende Zeitung in Nordamerika, "The Boston News-Letter", habe 1704 eine Anzeige für den Verkauf von Sklaven gedruckt. Zeitungen hätten geschätzte 200.000 Anzeigen zur Fahndung nach geflüchteten versklavten Menschen publiziert. Und es gehe weiter: Rassistischer Journalismus habe zu Lynchmorden geführt. Im 21. Jahrhundert erlaubten Medienfirmen rassistischen Gruppen die Nutzung ihrer Plattformen.

Die Zusammensetzung der Redaktionen verändert sich indes. Sie werden weniger weiß, und Zeitungen befassen sich zunehmend mit vernachlässigten Themen. Der "Kansas City Star" habe ausführlich über Rassismus bei der städtischen Feuerwehr berichtet, so Chefredakteur Fannin. Und auch über den Umstand, dass in keinem Bundesstaat gemessen an der Bevölkerung so viele Schwarze durch Schusswaffen ums Leben kommen wie in Missouri.

Der Medienkonzern Gannett hat sich das Ziel gesetzt, dass in seinem Zeitungen bis zum Jahr 2025 die Redaktionen so divers sein sollen wie die Menschen im Vertriebsbereich. Eine Mitteilung der Führung der "New York Times" an die Redaktion sprach von Veränderungen, um eine "modernere Nachrichtenorganisation zu schaffen", die von der "Weisheit diverser Mitarbeiter profitieren wird". Der versuchte personelle Umbau kommt allerdings mitten in der wirtschaftlichen Medienkrise. Zwischen 2008 und 2019 sei die Anzahl redaktioneller Mitarbeiter in den USA um 23 Prozent auf 88.000 zurückgegangen, berichtete das Institut "Pew Research Center". Und es ist keine Besserung in Sicht.

Aus epd medien 4/21 vom 29. Januar 2021

Konrad Ege