Um Kopf und Kragen. Der "Doppelpass" wird 25

Das waren noch Zeiten, als die Gäste beim "Internationalen Frühschoppen" der ARD derart viel Qualm produziert haben, dass man als Zuschauer schon mal buchstäblich den Durchblick verlor. Der reichlich genossene Weißwein hatte zur Folge, dass die Zungen schwerer, aber trotzdem lockerer wurden. Beim "Doppelpass" von Sport1 wird zwar das alkoholfreie Bier eines Sponsors ausgeschenkt, aber hier hat sich ebenfalls schon manch ein Gast um Kopf und Kragen geredet - allen voran Uli Hoeneß, der sich gern auch mal telefonisch in die Gespräche einmischt.

Erfinder des Formats war vor 25 Jahren, als Sport1 noch DSF hieß, der damalige Programmdirektor (und mittlerweile auch schon wieder ehemalige Tele-5-Geschäftsführer) Kai Blasberg. Vorbild für den "Doppelpass" war der "Frühschoppen"-Nachfolger "Presse-club". Am Konzept hat sich seit dem Start im September 1995 nicht viel geändert: Wechselnde Journalisten, darunter auffallend viele aus dem Springer-Konzern, plaudern sonntags ab 11 Uhr mit Experten und Vereinsfunktionären über den aktuellen Bundesliga-Spieltag.

Angesichts der Leidenschaft, mit der Fußballfans über strittige Schiedsrichterentscheidungen diskutieren, war es durchaus erstaunlich, dass bis dahin noch kein anderer Sender auf diese Idee gekommen war. Trotzdem gab es beim Sender großen Widerstand gegen Blasbergs Konzept. Selbst der erste Moderator, Rudolph Brückner, war zunächst skeptisch. Die Premiere im DSF hatte magere 200.000 Zuschauer, heute sind es regelmäßig rund eine Million. Viele dürften wegen Marcel Reif einschalten. Der einstige Kommentator und bekennende Fußballromantiker hat die Sendung auf ein höheres Niveau gehoben: Seit er dabei ist, geht es nicht mehr nur um Details (Strafstoß oder nicht), sondern auch um die Entwicklung der gesamten Sportart.

Allerdings können oder wollen nicht alle sogenannten Experten dieses intellektuelle Niveau halten. Besonders Stefan Effenberg, schon zu aktiven Zeiten berüchtigt für die Zeichen, die er auf dem Platz gesetzt hat, sorgt immer wieder dafür, dass die Gespräche nicht die Bodenhaftung verlieren. Auch Mario Basler pflegt mit Hingabe sein Image als Fußball-Proll. Andererseits liegt nicht zuletzt in dieser Mischung völlig unterschiedlicher Charaktere der Reiz der Runde: Wie im wahren Leben eint das Gespräch über Fußball Männer (Frauen sind hier nur selten zu Gast), die ansonsten kaum Berührungspunkte hätten.

Plötzlich werden einem sogar Leute sympathisch, bei denen man das nie für möglich gehalten hätte. Ein willkommener Gast ist zum Beispiel Edmund Stoiber, und das nicht nur, weil er gern Interna aus dem Verwaltungsbeirat des FC Bayern zum Besten gibt; er ist auch zuverlässig gut aufgelegt. Gleiches galt im Frühjahr für Markus Söder, der mit seiner Begründung überraschte, warum er als Nürnberger den Bayern die Daumen drückt: Solange die Münchner den Titel holen, bleibt sein "Club" auf der Liste der deutschen Rekordmeister zweiter.

Ansonsten ist für die gute Laune vor allem Thomas Helmer zuständig. Der Europameister von 1996 (wie praktisch alle Experten ein ehemaliger Bayern-Profi) hat erfolgreich umgesattelt und schafft es stets, die verschiedenen Temperamente mit genau der richtigen Mischung aus Provokation und Streicheleinheiten zu moderieren. Seine Hauptaufgabe ist allerdings das Lauern auf typische Fußballfloskeln, die mit drei Euro ins Phrasenschwein bestraft werden. Spätestens bei den gutmütigen Frotzeleien mit den Ex-Kollegen ist es dann wie in der Umkleidekabine nach dem ersten Bier.

Aus epd medien 37/20 vom 11. September 2020

Tilmann Gangloff