Twin Peaks in Bavaria. Ein Thriller über Journalismus

epd Moritz Hürtgen, Autor im Team des „ZDF Magazin Royale“ und scheidender Chefredakteur der „Titanic“, ist nicht nur erfolgreicher Satiriker, sondern gern auch als Medienkritiker aktiv. Auf Twitter verwandelte er seinen Accountnamen @hrtgn im Juni 2018 in den Kanal „HR Tagesgeschehen“ und versetzte die Medienwelt mit einem Tweet zur angeblichen Kündigung des Bündnisses zwischen CDU und CSU in Aufruhr. „Bild“ hatte er wenige Monate zuvor einen falschen Mailwechsel zwischen Kevin Kühnert (damals noch Juso-Vorsitzender) und einem russischen Agenten untergejubelt. Auf dem Portal „Übermedien“ veröffentlichte er kürzlich eine Glosse zum Online-Angebot der „Süddeutschen Zeitung“.

Die Lektüre von Hürtgens erstem Roman ist somit vor allem eine Übung in Erwartungsmanagement. Denn obwohl das Anfang September erschienene Werk „Der Boulevard des Schreckens“ heißt, einen jungen Journalisten als Hauptfigur hat und von Moritz Hürtgen verfasst wurde, ist es im Kern weder besonders satirisch noch besonders medienkritisch, auch wenn es gelegentlich sowohl das eine als auch das andere ist.

Hürtgens Protagonist Martin Kreutzer ist Volontär bei einer „Tageszeitung aus der Hauptstadt“, die im gleichen Verlag wie eine große Boulevardzeitung erscheint und von eher nach rechts lehnenden Menschen als aufrechtes Blatt mit guter redaktioneller Linie anerkannt wird. Ähnlichkeiten mit real existierenden Verlagen und Zeitungen dürften nicht zufällig sein. Der zugekokste Chefredakteur der Zeitung, Oliver Michels, steht auf markige Auftritte, also behauptet Kreutzer in der Redaktionskonferenz großspurig, den verhassten Münchner Perfomancekünstler Lukas Moretti persönlich zu kennen. Prompt wird er ausgesandt, um Moretti zu interviewen, doch es gelingt ihm nicht. Kreutzer entscheidet sich, das Interview zu fälschen, doch kurz nachdem er es abgeschickt hat, erfährt er, dass Moretti in der Nacht ums Leben gekommen ist.

Kreutzer ist kein Journalisten-Ermittler wie Stieg Larssons Mikael Blomkvist. Er erinnert eher an einen Hobbit, der in acht von neun Kapiteln von den Ereignissen mitgerissen wird, bevor er sich endlich zum Handeln entschließt. Zuvor ergeht er sich vor allem in Zweifeln und Selbstmitleid, während er gleichzeitig immer wieder scheitert und für seine Untätigkeit auch noch befördert wird. Die einzig vernünftige Figur, eine freie Kulturjournalistin vom „Spiegel“, hofft dagegen seit Jahren erfolglos auf eine Festanstellung. Satire oder Sozialrealismus?

Als die Redaktion Kreutzer in den Münchner Vorort Kirching schickt, um über Morettis Tod zu berichten, und sich dort merkwürdige Todesfälle häufen, offenbart „Der Boulevard des Schreckens“ endgültig, dass er im Herzen ein Gruselthriller ist. Zwar enthält das Figurenensemble selbst ernannte Bürgerjournalisten und fahrige Pressefotografen und schildert typische Medienmomente wie die Meute aus Kamerateams und Berichterstattern, die für wenige Tage in Kleinstädte einfallen, wenn es etwas Sensationelles zu berichten gibt. Ständig werden Presseausweise gezückt, als wären sie Rechtfertigungen für jedes noch so dreiste Verhalten.

Doch wenn Hürtgens geistige Eltern David Lynch und Helmut Dietl sein sollten, hat Lynch sich in der Erziehung eindeutig durchgesetzt. Von den starken Bildern am Rande des Übersinnlichen, bis zur Rolle, die Wörter am Ende spielen, könnte Altkirching auch das bayerische Twin Peaks sein. Er wollte eine Geschichte schreiben, die „fesselnd und unterhaltsam“ ist, hat Hürtgen in einem Tweet geschrieben. Das ist ihm gelungen.

Aus epd medien 42/43 vom 21. Oktober 2022

Alexander Matzkeit