Trost durch Erinnerung. Der Comicband "Wir waren Charlie"

Auch mehr als vier Jahre nach dem Anschlag auf "Charlie Hebdo" findet ein Interview mit dem Zeichner Luz unter größten Sicherheitsvorkehrungen statt. Ein Leibwächter sitzt am Eingang, die Fenster sind verdunkelt in dem Raum, in dem das Gespräch stattfindet. Es ist Juni 2019, Luz steht immer noch unter Polizeischutz. Er spricht über seinen neuen Comicband "Indélébiles" ("Unauslöschbares"), der am 11. September in Deutschland unter dem Titel "Wir waren Charlie" erscheint.

"Ich bin Charlie" - das war der Solidaritätsslogan nach dem Attentat auf die Redaktion der französischen Satirezeitschrift in Paris am 7. Januar 2015, bei dem zwölf Menschen ums Leben kamen, darunter acht Redaktionsmitglieder. Luz - mit bürgerlichem Namen Renald Luzier - entkam dem Anschlag, weil er zu spät zur Redaktionskonferenz kam. "Ich kann keine Reportage mehr vor Ort machen, aus Sicherheitsgründen", bedauert der 47-Jährige. Sein neues Buch ist wie eine Reportage auf 300 Seiten über die 25 Jahre mit Charlie Hebdo, die Zeit vor dem Attentat: "Ich habe die Bilder in meinem Kopf gesucht, habe wie ein Dokumentar nach Fotos gesucht", sagt Luz. Nach dem Drama hatte er diese Vergangenheit verdrängt. Auslöser für den Band war ein wiederkehrender Traum: "Ich komme in die Redaktion und alles ist normal. Nur dass ich außerhalb des Raumes bin."

Luz kommt in den 90er Jahren als 20-jähriger Jüngling aus der Provinz nach Paris. Eine Zeichnung bringt den berühmten Cartoonisten Cabu zum Lachen, Cabu nimmt Luz mit in die Redaktion von "Charlie Hebdo". Die Zeichner des Magazins machen Karikaturen, aber auch Pressezeichnungen zur Aktualität, Comics und vor allem Reportagen. Cabu wird der Mentor des Jünglings, ihm liegen gezeichnete Reportagen am Herzen. "Für ihn durfte man die Welt nicht nur kommentieren, man musste sich auch mit ihr konfrontieren", erzählt Luz.

Die Leserschaft schätzt in den 90er Jahren die politischen Karikaturen, aber auch den investigativen Journalismus der Zeitschrift. Luz macht Reportagen über Polizeigewalt - auf einer Demo wird er selbst einmal niedergeknüppelt. Der Karikaturist begibt sich in die als gefährlich gebrandmarkten Vororte und wird zum Kumpel der dort ansässigen Typen, die über seine Zeichnungen lachen. Mit dem für Luz typischen humorvollen Strich zeichnet er seine Erinnerungen in Schwarz auf Weiß. "Am schwierigsten waren die Porträts der Menschen, die ich liebe", sagt der Mann mit dem Schnauzbart. Sehr hart sei es etwa gewesen, Stéphane Charbonnier zu zeichnen - der als "Charb" bekannte Herausgeber von "Charlie Hebdo" wurde wie auch Cabu bei dem Anschlag 2015 ermordet. Er kenne Leute, die alte "Charlie"-Hefte nicht lesen könnten, weil ihnen das wehtue. "Dieses Buch habe ich auch gemacht, damit die Leute auf früher zurückschauen können und wieder über Zeichnungen lachen können", so Luz.

Luz verließ die Redaktion im Mai 2015 aus "persönlichen Gründen". Heute arbeitet er frei und sagt: "Hätte ich weitergemacht in einer unveränderten 'Charlie'-Zeitschrift, hätte ich nur Löcher gesehen, die Leere, die die hinterlassen, die nicht mehr da sind." Im Juni 2019 erklärte Chefredakteur und Mehrheitsaktionär Laurent Sourisseau, er wolle einen Teil seiner Aktien an neue Redaktionsmitglieder verkaufen und so seine Nachfolge vorbereiten. "Schade, das hätte er 2015 machen können", lautet der Kommentar von Luz. "Das war es, was ein Teil der Redaktion wollte. Er hat Zeit und Autoren verloren."

Seine Erinnerungen in Schwarz auf Weiß erzählen humorvoll die Zeit der echten Charlies, zumindest die 25 Jahre, in denen Luz dabei war. Gewalttätige oder ängstigende Szenen sind im Negativ dargestellt, Weiß auf Schwarz. Seine nächtlichen Träume sind Schwarz und Blau, in Farbe gemalt ist die heutige Wirklichkeit. Das Comicbuch ist in gewisser Weise tröstlich: Es ruft eine Zeit in Erinnerung, in der Karikaturen fröhlich Gott und die Welt aufs Korn nehmen konnten.

Aus epd medien 36/19 vom 6. September 2019

Martina Zimmermann