So viel Meinung war nie. Die "Tagesthemen" senden "Pro und Contra"

Sie haben es tatsächlich getan! Die "Tagesthemen" haben ihr erstes "Pro und Contra" gesendet. Nachdem das Nachrichtenmagazin im Ersten im vergangenen September den "Kommentar" in "Meinung" umbenannt hatte, kündigte die Redaktionsleitung wenig später auch noch an, dass sie ein "Pro und Contra" einführen wolle, um ein Thema "hin und wieder aus zwei unterschiedlichen Richtungen" zu beleuchten. Am Rosenmontag war also Premiere: Über die Frage, ob man die Schulen öffnen oder geschlossen halten sollte, werde seit fast einem Jahr gestritten, sagte Moderator Ingo Zamperoni, als er die neue "Meinungsrubrik" in den "Tagesthemen" vorstellte. Es folgten ein "Pro"-Kommentar von Kristin Schwietzer und ein "Contra"-Kommentar von Tom Schneider.

Normalerweise dauert der Kommentar in den "Tagesthemen", der ja jetzt "Meinung" heißt, rund eine Minute und 40 Sekunden. Keine zwei Minuten, die aber ganz schön lang werden können, wenn ein Mensch alleine in die Kamera reden muss. Selbst geübte Fernsehpersönlichkeiten retten sich da oft ins Grimassieren: Augenbrauen hoch und Augen weit aufreißen - das soll überzeugend wirken, rutscht aber schnell ins Dramatisierende ab.

Der Kommentar ist ein Fremdkörper im Fernsehen, er hat etwas Gestelltes. In den 90ern gab es in der Redaktion von ARD-Aktuell nicht wenige, die ihn am liebsten abgeschafft hätten, weil er so wenig fernsehgemäß ist. Aber er war und ist nun mal für die Chefredakteure der ARD, die nicht regelmäßig moderieren, eine der wenigen Möglichkeiten, ihr Gesicht zu zeigen - und darum eine beliebte Möglichkeit für Hierarchen, Farbe zu bekennen. Die Zeiten, in denen sie sich damit auch zu ihren Parteibüchern bekannten, sind zum Glück eher passé. Doch das Ritual, mit dem die ARD-Anstalten jeden Tag in der sogenannten Schaltkonferenz das zu kommentierende Thema und den Kommentator bestimmen, gehört zu den Eigenheiten des Senderverbunds.

Standen früher die Chefredakteure in der jährlichen Hitliste der "Tagsthemen"-Kommentatoren ganz oben, allen voran weiland BR-Chefredakteur Sigmund Gottlieb, so finden sich in jüngerer Zeit eher Fachleute oder die Korrespondenten des Hauptstadtstudios in den Top Ten. Die meinungsfreudige Kristin Schwietzer führte im vergangenen Jahr die Tabelle an.

Und was hat das "Pro und Contra" gebracht? Wenig Argumente, die man nicht aus dem Filmbericht, der zuvor in den "Tagesthemen" gezeigt wurde, bereits kannte: Schule ist wichtig für die Entwicklung der Kinder, aber es bleibt die Angst vor der Ansteckung. Und ziemlich einig waren sich Pro-Kommentatorin Schwietzer und Contra-Kommentator Schneider darin, dass die Schulöffnung nur gelingen kann, wenn es bessere Hygienekonzepte gibt, dass aber in den vergangenen Monaten versäumt wurde, durchdachte Pläne dafür zu entwickeln.

Knapp eine Minute und zehn Sekunden dauerte das "Pro", ziemlich genau so lang das "Contra". Wenig Zeit für ausgefeilte Argumente, aber Kristin Schwietzer schaffte es trotzdem, eine der derzeit abgedroschensten Floskeln auf dem Meinungsmarkt unterzubringen: "Die Politik muss jetzt endlich liefern."

Meinungen, das weiß jede Mediennutzerin, gibt es im Überfluss. Viele bilden sich zu allem im Handumdrehen eine Meinung, in der Corona-Pandemie konnte man den Eindruck gewinnen, es gebe 80 Millionen Virologen im Land. Wer sich aber schon mal länger mit einer Sache befasst hat, wird vielleicht die Erfahrung gemacht haben, dass es eher schwieriger wird, sich eine Meinung zu bilden, je mehr man über den Gegenstand weiß. Giovanni di Lorenzo, der Chefredakteur der "Zeit", die früher für lange Meinungsartikel bekannt war, hat kürzlich die Devise ausgegeben, statt Meinungen seien derzeit vor allem zuverlässige Fakten gefragt: "Vielleicht sind Fakten die neue Meinung."

Aus epd medien 8/21 vom 26. Februar 2021

Diemut Roether