The Show must go on. Tendenzen beim TV-Fußball

epd „Sie können das gerade nicht sehen.“ Dieser Satz war bei Übertragungen aus der Fußball-Bundesliga in den vergangenen Jahren häufiger zu hören. Mal rannte ein sogenannter Flitzer über den Platz, mal brannten die Ultras Bengalos ab, mal wurde wahlweise der DFB oder ein unbeliebter Club-Boss auf Transparenten geschmäht. Die Kommentatoren, die stets auch den Monitor vor sich im Blick haben, schildern in solchen Fällen, was das Livebild ausspart. Offenbar hat Sportcast, die Produktionstochter der Deutschen Fußball Liga (DFL), für ihre Signalanlieferung die Auflage, dem Publikum - ähnlich wie bei Welt- und Europameisterschaften - eine möglichst heile Fußballwelt vorzugaukeln. Das hat dann beispielsweise zur Folge, dass scheinbar wie aus dem Nichts dichte Rauchschwaden über den Platz ziehen.

Deshalb sei es umso wichtiger, dass Sender und Streamingdienste mit eigenen Kameras in den Stadien vertreten seien, sagt der frühere „Sportschau“-Kommentator Marc Schlömer im Gespräch mit dem epd. Bei der „Sportschau“-Berichterstattung hätten die ARD-Reporter Funkkontakt zu ihren Kameraleuten am Spielfeldrand und könnten daher jederzeit Anweisungen geben. Die Entwicklung gehe aber in eine andere Richtung: Nicht nur Sky und DAZN, sondern auch ARD und ZDF stellten schon jetzt bei einigen Partien kein eigenes Bildmaterial mehr her. Der als Mitglied von „Sport Inside“ (WDR) mit dem Deutschen Fernsehpreis ausgezeichnete Sportjournalist hält das für fatal, weil man sich auf diese Weise völlig von der Bildregie der Verbände abhängig mache.

Rein kaufmännisch ist der Trend nachvollziehbar: Übertragungsrechte sind teuer, also muss irgendwo gespart werden - zum Beispiel bei den Reise- und Produktionskosten, wenn es bloß um eine dreiminütige Zusammenfassung geht. Schlömer, der vor einigen Wochen zum Medienkonzern Banijay gewechselt ist, hält das dennoch für verheerend: „Um den Zuschauern einen Spielbericht glaubhaft vermitteln zu können, muss ich vor Ort sein. Ich muss es riechen, schmecken, fühlen. Und ich muss vor allem auch das sehen, was vom TV-Signal der Verbände ausgeblendet wird.“ Wie es sich anhört, wenn die Reporter nicht mehr sehen als die Zuschauer daheim, wurde während der EM im Sommer deutlich, als viele Spiele wegen Corona aus dem Studio kommentiert wurden.

Aus Sicht der Sender und der DFL ist entscheidend, wie die Fußballfans reagieren. Nach Meinung von Schlömer hat es noch nie so viele kritische Fans gegeben wie heute; das hätten unter anderem die Proteste gegen die Pläne für eine europäische Super League gezeigt. Organisationen wie „Unsere Kurve“ oder „ProFans“ fordern zudem mehr Mitbestimmung in den Vereinen. Diese Fans erwarten auch eine qualitätsorientierte Berichterstattung, doch stattdessen sieht der Sportwissenschaftler eine Tendenz zu immer mehr Klamauk, die nicht zuletzt durch die digitalen Netzwerke befeuert werde: Hinter den Kulissen gehe es ständig um die Frage, wer den lustigsten Spruch und die witzigste Instagram-Story hat. „Gerade ARD und ZDF sollten dieses Spiel nicht mitmachen.“

Sender, die sich dem Trend verweigern, hätten aber möglicherweise Nachteile zu erwarten, glaubt Schlömer: Eine Interessenvertretung wie die DFL werde es sich zweimal überlegen, „ob sie die Rechte einem Sender überlässt, der kritisch über das Produkt Fußball berichtet“, wenn es auch Mitbewerber gebe, die den gleichen Preis zahlten, aber darüber hinaus „einen Hype um das Produkt anzetteln“. Gut möglich, dass ein Sender deshalb lieber auf kritische Berichte verzichtet. Die Verbände wünschen sich ohnehin gesittete amerikanische Verhältnisse: Wenn der Fußball zur glatten Show wird, werden die Ultras nicht mehr ins Stadion kommen. Bengalos und Protestplakate gibt es dann nicht mehr. Allerdings auch kaum noch Choreographien und Stimmung.

Aus epd medien 38/21 vom 24. September 2021

Tilmann Gangloff