Selbstmord aus Angst vor dem Tod. Die Wellenreform beim WDR

Wenn Wellenchefs eine Radiowelle umbauen wollen, argumentieren sie gern mit damit, dass die Reichweite bestimmter Sendungen zurückgehe. Auch der WDR schrieb in seiner Vorlage für die Sitzung des Programmausschusses des WDR-Rundfunkrats am 30. Oktober 2020: "Seit Jahren erreichen die beiden Informationssendungen 'Mittagsecho' (…) und 'Echo des Tages' (…) zunehmend weniger Hörer*innen. Das belegen unter anderem die drei jüngsten Hörfunk-Reichweitenerhebungen der Arbeitsgemeinschaft Media-Analyse."

Dabei wissen alle, die die Erhebungsmethoden der Media-Analyse kennen, dass hier keineswegs nach bestimmten Sendungen gefragt wird, sondern nur danach, welche Welle zu welcher Uhrzeit gehört wurde. Diese Methode ist nur so zuverlässig wie das Erinnerungsvermögen der Befragten. Im Gegensatz zu den Daten der AGF Videoforschung, mit deren Hilfe die Medienforscher exakt nachvollziehen können, wann welche TV-Sendung am Vorabend ein- und wieder ausgeschaltet wurde, werden bei der Media-Analyse durch telefonische Befragungen durchschnittliche "Hörer pro Stunde" ermittelt - und das nur zwei Mal im Jahr. Die Ergebnisse der Media-Analyse sind daher auch unter Programm-Managern umstritten, aber sie sind die Währung, auf die sich die Sender und die Media-Agenturen geeinigt haben, um Werbezeit verkaufen zu können. Weitergehende Schlüsse auf die Nutzung bestimmter Sendungen lassen sich aus der Media-Analyse nicht seriös ziehen, doch mit dem Argument der sinkenden Reichweite lassen sich Rundfunkräte offenbar immer noch überzeugen.

Nun traf es also die Sendungen "Mittagsecho" und "Echo des Tages", die, nachdem der NDR aus der Zusammenarbeit ausgestiegen ist, bei WDR5 abgeschafft werden und - wie es in der Vorlage so schön heißt - durch "zeitgemäße, aktuelle journalistische Angebote" ersetzt werden sollen. Beschrieben werden diese "zeitgemäßen aktuellen journalistischen Angebote" in dem Papier mit den Begriffen "durchgängige Aktualität", "Vertiefung", "NRW-Perspektive", "digitaler" und "synergetischer". Eine Beschreibung, die auf jedes halbwegs ambitionierte journalistische Angebot in Nordrhein-Westfalen zutreffen dürfte.

Was wird also die Informationssendungen der Welle WDR5 in Zukunft von anderen journalistischen Angeboten im Sendegebiet unterscheiden? Die Vorlage für den Programmausschuss gibt dazu keine sachdienlichen Hinweise, trotzdem hat der Rundfunkrat der Reform zugestimmt.

Ja, der WDR muss sparen - und jetzt, da die Beitragserhöhung nicht kommt, wohl sogar noch mehr als ursprünglich geplant. Doch die Sender sparen am falschen Ende, wenn bei diesen Sparbemühungen immer die profilierten Sendungen wie das "Echo des Tages" oder der "Stichtag" auf der Strecke bleiben und stattdessen "synergetisch" mehr "durchgängige Aktualität" produziert wird. Radiowellen werden auch wegen Persönlichkeiten gehört: Wegen Korrespondenten, die gute Analysen liefern, wegen Moderatoren, die an der richtigen Stelle nachfragen, wegen Autorenstimmen, denen der Hörer gern sein Ohr leiht. Alles andere, vor allem more of the same, finden die Nutzer jederzeit im Netz.

Und ja, es gibt Menschen, die der Meinung sind, dass lineare Hörfunkwellen ohnehin vom Aussterben bedroht sind, dass die Nutzer in wenigen Jahren nur noch Podcasts und Spotify hören werden. Dabei haben die vergangenen Monate der Corona-Pandemie gezeigt, dass die Menschen, je mehr Zeit sie am Computer verbringen mussten, sich wieder stärker den linearen Angeboten im Fernsehen und Radio zugewandt haben. Für Radiomacher kann das nur heißen, dass sie sich wieder auf das besinnen sollten, was ihren Sender einzigartig macht. Radiowellen weiter zu formatieren und ihnen ihre markanten Sendungen zu nehmen, ist wie Selbstmord aus Angst vor dem Tod.

Aus epd medien 1/21 vom 8. Januar 2021

Diemut Roether