Schwankender Boden. Als Journalist auf der "Ocean Viking"

Ist es ein Eingriff in meine Pressefreiheit, als man mir das schreiende Baby reicht? Oder vermische ich Journalismus und Aktivismus? Jedenfalls geht es nicht anders, als dass ich meine Recherche kurz unterbreche und das Fotografieren und Filmen stoppe, um den Säugling in Empfang zu nehmen und gleich darauf seinen dreijährigen Bruder. Ich versuche, beide mit leisen Worten zu beruhigen. Es gelingt mäßig - hier draußen im Dunkeln, in einem schwankenden Schlauchboot mitten auf dem Meer.

Ende November retten die Hilfsorganisationen SOS Méditerranée und Ärzte ohne Grenzen gut 100 Kilometer vor der Küste Libyens wieder einmal Migranten oder Flüchtlinge aus Seenot, die sich nach Europa aufgemacht haben. Ich bin für den epd als Berichterstatter dabei, in den Stunden des Einsatzes auf einem Rettungsboot wie in den Tagen davor und danach auf dem Mutterschiff "Ocean Viking".

Die räumliche Nähe zu den Rettern ist groß. Man lebt ein Stück weit zusammen, isst gemeinsam in der Messe, hält Small Talk auf Deck. Am Schreibtisch in der kleinen Kabine arbeiten eine Journalisten-Kollegin aus Finnland und ich - und direkt neben uns die Pressesprecherinnen von SOS Méditerranée und Ärzte ohne Grenzen.

Distanz muss also hergestellt werden. So werde ich einmal gebeten, bei der Essensausgabe an die geretteten Flüchtlinge oder Migranten mitzumachen. Als ich ablehne, um Beobachter zu bleiben, ist das aber in Ordnung. Ein Retter bringt uns ferner nahe, warum sie statt von "Migranten" oder auch "Flüchtlingen" von "geretteten Menschen" sprechen. Ich übernehme diese Wortwahl nur teilweise. Und wann "Seenot" vorliegt, kann ich mir schon vor der Reise von einer Juristin erklären lassen, um auch hier dem "wording" der Hilfsorganisationen nicht unbedarft gegenüberzustehen.

Es gibt Regeln, an die ich mich halten muss, die ich meist aber einsehen kann. Dazu gehört, dass während eines Einsatzes Fragen verboten sind - schließlich kann es um Leben oder Tod gehen; die maritime Crew der "Ocean Viking", also der Kapitän und weitere Seeleute, die weder SOS Méditerranée noch Ärzte ohne Grenzen angehören, dürfen gar nicht interviewt werden. Als Mann darf ich nicht in den für gerettete Frauen und Kinder reservierten Container; den Geretteten sollen die finnische Kollegin und ich keine Informationen oder Einschätzungen über die weitere Fahrt geben.

Andererseits herrscht große Offenheit. Wir Journalisten können uns fast überall an Bord frei bewegen, auch auf der Brücke. Manches Mal werden wir extra dorthin eingeladen, auch als ein Einsatzleiter mit der libyschen Küstenwache Kontakt aufnimmt, also in wichtigen Momenten. An den Hauptbesprechungen der Mannschaft dürfen wir ebenfalls teilnehmen und Fragen stellen. Die Retter sind generell offen für Fragen, Fotos, Interviews. Überhaupt ist die Pressearbeit gut organisiert - auch was die Kinder auf dem Rettungsboot angeht: Ich war vorgewarnt worden, dass das passieren könnte, wenn keine andere Hand frei sei - und sie werden mir bald wieder abgenommen. Die meiste Zeit des Einsatzes kann ich ungestört aufnehmen, filmen, Eindrücke festhalten - also kein Eingriff in die Pressefreiheit, keine Vermischung von Journalismus und Aktivismus.

Sprechen können die Kollegin und ich auch mit den Migranten oder Flüchtlingen, wenn diese zustimmen. Das tun zwar viele. Trotzdem sind diese Gespräche schwieriger als gedacht, denn die Sprachbarrieren erweisen sich als hoch. Man muss oft nachhaken, wenn man etwas nicht versteht.

Es ist also eigentlich wie im journalistischen Alltag sonst auch. Denn trotz allen "Eingebettet-Seins", außergewöhnlicher Umstände und Eindrücke: Es gibt graduelle und keine grundsätzlichen Unterschiede zur Arbeit an Land. Nur dass der Boden unter den Füßen dort nicht so schwankt.

Aus epd medien 1-2/20 vom 10. Januar 2020

Phillipp Saure