Schluss mit Hustlen. Der "Journalist"-Podcast "Druckausgleich"

Wer heute als junger Mensch im Journalismus anfängt, findet denkbar ungünstige Startvoraussetzungen vor. Nach jahrelangem Hochschulstudium und jeder Menge schlecht- bis unbezahlter Praktika kann froh sein, wer einen der immer noch begehrten Plätze für ein Volontariat ergattert. Für diese Strapazen ernten Jungjournalisten nicht selten den kümmerlichen Lohn eines prekären Beschäftigungsverhältnisses als freie Mitarbeiterin. Verwunderlich ist es, dass trotzdem immer noch vielen die Profession als Traumberuf gilt. Was treibt Berufseinsteiger in dieser Branche an?

Anfang März startete das Fachmagazin "Journalist" seinen ersten Podcast. Dieser richtet sich an eben jene Zielgruppe junger Medienmacher, die angesichts schwieriger beruflicher Perspektiven kräftig unter Druck steht. Gastgeber Annkathrin Weis und Luca Schmitt-Walz sind selbst Vertreter dieser Generation und reden laut Ankündigung "nicht nur über die Herausforderungen des Berufseinstiegs", sondern setzen "auch einen Gegenpol zu überschwänglichen Erfolgsgeschichten", all dies unter der treffenden Überschrift "Druckausgleich". Zwei Folgen von jeweils rund 40 Minuten sind bislang veröffentlicht.

Die erste Folge dreht sich um die Frage: "Bin ich eigentlich gut genug?" Mit gesunder Selbstkritik hat der Zustand, den Annkathrin und Luca hier beschreiben, nichts zu tun. "Ich habe das Gefühl, es ist nur noch eine Frage der Zeit, bis ich endlich als der Betrüger entlarvt werde, der ich eigentlich bin", sagt ihr Freund Basti. Besonders krasse Formen des Selbstzweifels diagnostiziert der Podcast gar als sogenanntes Impostor-Phänomen: Betroffene halten sich selbst für Hochstapler, Erfolg setzt Betroffene nur noch mehr unter Druck, sich noch mehr beweisen zu müssen, um nicht aufzufliegen. "Druckausgleich" zeichnet hier das Bild einer Journalistengeneration, die sich nachts schlaflos in den Kissen wälzt, weil sie den Kolleginnen und Kollegen einfach nicht das Wasser reichen kann. Raus aus der Non-Stop-Working-Machine, aus dem Hustlen, rein in die Balance zwischen Karrierezielen und zufriedener Unproduktivität - so lautet Annkathrins und Lucas Ansage zur Selbsthilfe.

Dass diese gefährliche Gemütslage ein gutes Stück weit hausgemacht ist, erkennt der Podcast ebenfalls bereits in der ersten Folge: Social Media - Instragram, Facebook, Twitter und LinkedIn sind schon gecheckt, bevor am Morgen der erste Kaffee getrunken wird. Hier vermarktet sich, wer kann - ohne ausgefeilte, fortlaufend aktualisierte Insta-Story oder launige Tweets im Stundentakt sieht junger, unternehmerischer Journalismus schnell alt aus.

Rauf auf die großen Bühnen der Selbstdarsteller, rein in die "Top 30 unter 30", so wird es schließlich in der Journalistenausbildung bereits seit Jahrzehnten gepredigt. Um die Auftragslage zu sichern, hat die Selbstvermarktung freiberuflicher Journalisten freilich ihre Berechtigung. In der zweiten Folge widmen sich Annkathrin und Luca dem daraus evolvierten, äußerst ungesunden Umgang mit Social Media ausführlicher. Doch wonach wird hier eigentlich gehustlet? In den Gesprächen der beiden Gastgeber und ihrer O-Tongeber schwingt viel Sehnsucht nach Anerkennung, gekrönt durch Journalistenpreise, und sogar Streben nach Berühmtheit mit. Ins Licht, da wollen sie alle hin, doch auf dem Weg verschwimmt die Grenze zum echten Hochstapler schnell - Claas Relotius sollte ein mahnendes Beispiel sein.

Den Druck macht sich eine sich selbst pathologisierende Generation vor allem selbst, so scheint es nach den zwei Folgen "Druckausgleich", die bis Ende März erschienen sind. Existenzielle ökonomische Sorgen, oft Folge systematischer Ausbeutung durch Arbeitgeber, denen Festangestellte schlicht zu teuer sind, und die Frage, wer eigentlich noch für das journalistische Grundrauschen sorgen will, werden hoffentlich noch thematisiert. Die im Schatten sieht man nicht.

Aus epd medien 14/21 vom 9. April 2021

Ellen Nebel