Schlichten für Anfänger. Ein (fiktives) Dramolett

Es war der medienpolitische Coup des Jahres 2018: Intendanten und Verleger einigten sich mit der Medienpolitik auf eine Schlichtungsstelle, die in Zweifelsfällen klären soll, ob Internetangebote von ARD und ZDF zu "presseähnlich" sind. Die Novelle des Rundfunkstaatsvertrags, die dieses paritätisch besetzte Gremium ins Leben ruft, ist seit dem 1. Mai in Kraft. Michael Ridder konnte exklusiv für epd medien die erste Sitzung der neuen Schlichtungsstelle verfolgen, die natürlich im Axel-Springer-Hochhaus in Berlin stattfand. Neben Gastgeber Mathias Döpfner nahmen für die Verleger Christian DuMont Schütte und für die ARD Ulrich Wilhelm und Karola Wille teil.

Pförtner: Guten Tag Herr Wilhelm! Schön, dass Sie mal wieder bei uns sind. (drückt den Knopf für die Sicherheitsschleuse)
Wilhelm: Ja, freut mich auch.
Pförtner: Und Ihr Name?
Wille: Karola Wille, Mitteldeutscher Rundfunk.
Pförtner: Ihren Personalausweis bitte.
Wille: (empört) Wie bitte?
Wilhelm: Ist schon gut, sie gehört zu mir.

Er zieht sie mit durch die Schleuse. Sie fahren mit dem Fahrstuhl in den 13. Stock. Nachdem sich die Tür geöffnet hat, treten sie direkt in eine Lounge, die im Kolonialstil eingerichtet ist. Döpfner schreitet jovial auf sie zu, DuMont Schütte sitzt weiter hinten in einem großen Sessel und raucht eine Cohiba-Zigarre.

Döpfner: Herzlich willkommen, liebe Vertreter unseres gemeinsamen freien Rundfunks! (grinst)
Wilhelm: Ja, das sind wir in der Tat. (schüttelt Döpfner die Hand) Aber, verehrter Herr Döpfner, wenn Sie jetzt darauf hinauswollen, dass das Framing-Manual zu textlastig war: Wir haben das nicht im Internet veröffentlicht. Bewusst nicht, weil wir ja wissen, dass Ihnen viel Text auf unseren Seiten nicht so gefällt.
Döpfner: Klug argumentiert. Aber darauf wollte ich gar nicht hinaus. (bittet Wilhelm und Wille in die Clubecke, in der schon DuMont Schütte sitzt)
Wille: Worauf denn dann?
Döpfner: Das wissen Sie doch, liebe Frau Wille. Dieses "Altpapier", was da bei Medien 360G erscheint...
Wille: Da wird sehr oft auch die ARD kritisiert!
Döpfner: Ja, das lese ich deswegen auch gerne. Aber da ist einfach zu viel Text. Da wird gar kein Bewegtbild oder Audio angeboten, obwohl das ja nach dem neuen Rundfunkstaatsvertrag Pflicht ist.
Wilhelm: Ich habe da eine Idee, wie wir diese ganzen Streitigkeiten befrieden können. Herr Döpfner, Springer ist doch einer der führenden Digitalverlage. Und wenn wir jetzt zusammen eine europaweite Digitalplattform aufbauen würden...
Döpfner: Nicht schon wieder diese Platte. Bitte.
Wilhelm: Nur mal als Gedankenspiel, also, die Politik zieht da ja im Moment nicht so richtig mit, aber wenn Sie, Herr Döpfner, mit Ihren Kontakten...
Döpfner: Sie wollen das "Altpapier" in ein europäisches Youtube integrieren? Und Christian Bartels sitzt dann im Club Sonar und liest die Links zum Mitschreiben vor? (lacht sich scheckig)
Wilhelm: Sie haben doch vorhin gesagt, dass da mehr Bewegtbild sein muss!
DuMont Schütte: Darf ich auch mal was sagen?
Döpfner: Nein.
DuMont Schütte: Hey!
Döpfner: Lass mich das hier mal regeln, Christian. Bei DuMont habt ihr doch genug damit zu tun, Eure Blätter an Ippen oder Madsack zu verscherbeln.
Wille: Das "Altpapier" gebe ich nicht auf. Punkt.
Döpfner: Ein Vorschlag zur Güte: Ich kaufe das "Altpapier" einfach für den Onlineauftritt der "Welt" ein, dann sind wir dieses Problem los.
Wille: Sorry, unverkäuflich.
Döpfner: Ach Frau Wille, alles ist doch nur eine Frage des Preises, oder? Wir werden uns schon einig. (drückt Knopf unter dem Schreibtisch) Selma, ich brauche mal drei Flaschen Château Mouton-Rothschild. Und den Termin mit Juncker bitte um zwei Stunden nach hinten verlegen, er soll im Foyer warten.

Aus epd medien 18/19 vom 3. Mai 2019