Rudelsingen in Ahaus. Weihnachten als Kampagnenthema

Getragene Pianomusik. Die Kamera zoomt ganz langsam in einen Sendesaal, die Wände sind mit Holz verkleidet, in unterschiedlichen Braunschattierungen. Auf dem Boden stehen übereinandergeschichtete weiße Podeste. Eine Stimme sagt aus dem Off: "Wir sind uns selbst genug. Wir schließen die Tür zur Außenwelt. Wir beobachten unsere Nachbarn durchs Fenster. Oder das Internet."

Wer am 1. Dezember im Ersten auf die 20-Uhr-Ausgabe der "Tagesschau" wartete, konnte glauben, er habe sich in eine modernisierte Version des "Worts zum Sonntag" verirrt. Der wirkliche Absender der sakral anmutenden, knapp vier Minuten langen Botschaft bleibt in dem Clip jedoch bis kurz vor Schluss im Dunkeln. Zunächst sieht man, wie eine Menschenmenge in den Raum strömt und sich auf den Podesten verteilt. "Wir haben 300 Menschen aus allen Regionen Deutschlands eingeladen", erklärt der anonyme Off-Kommentator. Deshalb wohl bilden die Podeste auch grob die Umrisse der Bundesrepublik Deutschland ab.

Die Menge wird sodann zum Chor, der das Lied "Was ist Deine Geschichte?" intoniert. Der Song besteht überwiegend aus Fragen: "Worüber hast du zuletzt gelacht? Über was zu lange nachgedacht? Was ist das Dümmste, das du je getan hast? Was ist deine Superkraft?" Im Refrain dann immer wieder die Aufforderung: "Erzähl mir. Erzähl mir von dir." Zwischengeschnitten wird gelegentlich ein Mann im Hawaii-Hemd, der in einem Glaskasten über der Szenerie rhythmisch mitwippt und gleichsam dirigiert. Erst fünf Sekunden vor Schluss, das Lied und der Applaus der Mitwirkenden sind schon verhallt, die Taschenlampen der Handys wieder ausgeschaltet, kommt die Auflösung: "Wir sind deins. ARD"

Darauf wäre man jetzt nicht so ohne weiteres gekommen. Dass die ARD "unser gemeinsamer freier Rundfunk" ist, wissen wir natürlich seit der Debatte um das berüchtigte "Framing-Manual". Aber was will uns die ARD mit dem Spot sagen? Dass sie uns zuhört? Dass sie unsere Geschichten erzählt? Dass sie mitten im Leben der Normalbürger steht, anstatt - wie böse Zungen immer wieder behaupten - auf Stars und Kommerz fixiert zu sein?

Nein. Die ARD versteht den Clip als "Weihnachtskampagne", die für "Gemeinschaft, Zusammenhalt und die Akzeptanz von Vielfalt" wirbt. So vielfältig ist das Bild freilich nicht, das der Chor liefert. Im Wesentlichen sieht man ein Panoptikum der Mittelschicht, das aus unzähligen ARD-Fernsehfilmen bekannt ist. Der Begriff "Weihnachtskampagne" lässt zudem tief blicken. Weihnachten ist ein christliches Fest, das sich um die Ankunft der Gnade in einer zerrütteten Welt dreht. Darum in Werbeagentursprech eine "Kampagne" zu bauen, die mit sakraler Stimmung spielt, aber den Sinngehalt des Festes säkularisiert und simplifiziert, zeugt schon von bemerkenswerter Oberflächlichkeit, so sympathisch die Botschaft des Liedes grundsätzlich auch sein mag.

Mit einigen Sängern des Laienchors hat die ARD zusätzliche kurze Einzelclips produziert. Darin, so heißt es, geben die Menschen ihren "Wünschen und Hoffnungen" Ausdruck. Viel Raum haben sie dafür leider nicht: "Winzer Johannes" aus Alzenau etwa hat 15 Sekunden für die Aussage, das Lied passe "perfekt zu dem Moment, wo wir hier gerade sind", also zu seinem Weingut, wo die Sonne gerade untergeht.

In der Online-Kommentarspalte des Ersten, dass muss man zugeben, kommt die Aktion sehr gut an. "Zu Tränen gerührt", "überwältigend", "einfach wunderbar" lauten dort die Bewertungen. Die ARD hat also die Emotionsmaschine Fernsehen erfolgreich bedient. "Wahnsinn, meine Woche beginnt nun mit einem Ohrwurm und schönen Gefühlen", schreibt ein begeisterter Nutzer und fügt hinzu: "Fühlt sich an wie Rudelsingen in Ahaus!"

Aus epd medien 49/19 vom 6. Dezember 2019

Michael Ridder