Ringen um die Wahrheit. Zwei Dokumentarfilme über Journalismus

epd Journalismus muss sich erklären. Das fordern nicht nur Medienwissenschaftler wie Bernhard Pörksen, auch viele Medien haben längst verstanden, dass sie transparenter werden müssen, um verloren gegangenes Vertrauen wieder herzustellen. Zwei Dokumentarfilme, die derzeit in den Kinos laufen, zeigen, wie viel Arbeit Journalismus machen kann.

Für den Film „Mit eigenen Augen“ hat der Regisseur und Autor Miguel Müller-Frank die „Monitor“-Redaktion zwei Monate lang begleitet. Er drehte dort 2019, kurz nach der Ermordung des Kasseler Regierungspräsidenten Walter Lübcke. Der Film zeigt, wie die Redaktion versucht, mehr über die Kontakte des mutmaßlichen Lübcke-Mörders Stephan E. ins rechtsradikale Milieu herauszufinden. Einem Redakteur wird ein Foto zugespielt, das belegen soll, dass E. nur wenige Monate vor der Tat an einer konspirativen rechten Veranstaltung im sächsischen Mücka teilnahm, bei der auch Mitglieder der neonazistischen Organisation „Combat 18“ waren. Ein Sachverständiger prüft das Foto und stellt fest, es sei „praktisch erwiesen“, dass es sich bei der Person auf dem Foto um den Festgenommenen handelt.

Die Redaktion gibt eine Pressemitteilung heraus, in der sie auf ihren Rechercheerfolg hinweist, doch wenig später werden begründete Zweifel laut, ob der Mann auf dem Foto tatsächlich Stephan E. ist. Ein zweiter Gutachter stellt fest, „höchstwahrscheinlich“ sei die Person auf dem Foto nicht mit E. identisch. Die Redaktion gibt eine zweite Pressemitteilung heraus, in der sie die Sachlage darstellt: Nach den unterschiedlichen Bewertungen der beiden Gutachter sehe sie sich außerstande, „ihrerseits zu einer eindeutigen Bewertung zu kommen“, daher korrigiere sie ihre bisherige Berichterstattung.

Das ist transparente Fehlerkultur. Miguel Müller-Frank konnte die Diskussionen über diesen Fall einfangen, und die „Monitor“-Redaktion hat genehmigt, dass er das auch veröffentlicht. Das Bild des Journalismus, das der Film vermittelt, ist wenig glamourös. Die Redakteure und Reporter sitzen in ihren Büros, telefonieren, recherchieren und diskutieren in Konferenzen. Ab und zu wirft die Kamera einen Blick aus dem Fenster des WDR-Gebäudes, unten sieht man die Autos auf der Kölner Nord-Süd-Fahrt.

Müller-Frank erzählt keine Heldengeschichte, er zeigt die mühsame Kleinarbeit des recherchierenden Journalismus. Eine andere Fallhöhe hat der Film „Hinter den Schlagzeilen“, für den Autor Daniel Sager die investigativen Journalisten Frederik Obermaier und Bastian Obermayer von der „Süddeutschen Zeitung“ begleitet hat. Der Dokumentarfilmer beginnt mit einem konspirativen Treffen in einem Hotelzimmer in Moskau: Dort sprechen die beiden Journalisten mit Edward Snowden, der hehre Worte zur Rolle des Journalismus für die Gesellschaft findet.

Wenig später wird den Investigativ-Journalisten ein Video zugespielt, über das sie zunächst nur sagen, wenn es echt sein sollte, habe es das Potenzial, eine Regierung zu stürzen. Allerdings dauert es mehrere Monate, bis der Informant sich damit einverstanden erklärt, das Video zu veröffentlichen. Als endlich das Okay kommt und ein Gutachter das auf Ibiza gedrehte Video für echt befindet, folgen zähe Verhandlungen mit Justiziaren und der Chefredaktion, ob Ausschnitte daraus online veröffentlicht werden dürfen.

Während die „Monitor“-Redaktion in Müller-Franks Film wie eine Insel im großen WDR wirkt, auf der eine Handvoll Journalisten abgekapselt von allen anderen um Erkenntnis und Wahrheit ringen, macht Sagers Film deutlich, dass Journalismus ein komplexes System ist und es vieler Absprachen bedarf, bis eine investigative Recherche veröffentlicht werden kann. Der Film endet mit einem veritablen Happy End für die investigativen Journalisten: In Österreich löst der Rücktritt des Vizekanzlers eine Regierungskrise aus.

Aus epd medien 46/21 vom 19. November 2021

Diemut Roether